16. Spieltag

VfL Bochum 1848
1: 3
FC St. PauliFC St. Pauli

Mo,  10.12.201820:30 Uhr2. Bundesliga

Hauptsache nicht 1:1

Statistiken sind zu meist Auslegungssache. Es gibt immer Aspekte, die man ins Positive oder auch Negative drehen kann. So ist es derzeit auch beim FC St. Pauli – nur eines der letzten zehn Spiele haben sie verloren. Zuletzt blieben die Hanseaten viermal in Folge ungeschlagen. Klingt erstmal gut. Doch schaut man genauer hin, erkennt man, dass die drei letzten Partien allesamt unentschieden ausgingen und die Mannschaft von Markus Kauczinski zweimal die Führung in den letzten Spielminuten herschenkte. Die Gegner – der 1. FC Heidenheim, SSV Jahn Regensburg und Dynamo Dresden (alle 1:1) – waren allesamt Mannschaften aus dem Mittelfeld der Tabelle. Im Tableau abgerutscht ist der Kiezklub aufgrund der drei Remis zwar nicht, er bleibt weiterhin Vierter, doch dafür beträgt der Abstand zum zweiten Rang nicht mehr nur einen Punkt – sondern acht. „Wir müssen es in den Kopf bekommen, dass es nicht reicht, eine Führung zu verwalten, sondern wir weiter nach vorne spielen und unsere Chance suchen müssen“, monierte Kauczinski nach dem 1:1 gegen Dresden, bei dem der Ausgleich erst in der 86. Minute gefallen war. Auch seine Spieler gaben sich nach dem Punkt selbstkritisch, so auch Innenverteidiger Philipp Ziereis: „Der letzte Punch, die letzte Konsequenz fehlt. Das müssen wir uns vorwerfen lassen.“

Gegen den VfL wollen die Hanseaten wieder ein anderes Gesicht zeigen. Mit genügend Selbstvertrauen dürfte die Kauczinski-Elf jedenfalls anreisen, schließlich ist sie eine der besten Auswärtsmannschaften der Liga. Der FC St. Pauli hat vier von acht Gastspielen gewonnen, zuletzt haben die Kiezkicker bei ihren vergangenen fünf Spiele in der Fremde immer gepunktet. Der VfL ist hingegen seit vier Spielen in Serie zu Hause ungeschlagen. Es bleibt also spannend, wessen Serie am Montagabend im Top-Spiel der 2. Bundesliga reißt. Wer sich an einen VfL-Heimsieg gegen St. Pauli erinnern möchte, muss ein wenig weiter zurückdenken. Im April 2013 gab es einen 3:0-Erfolg anne Castroper. Zlatko Dedic hatte den VfL damals mit einem Doppelpack auf die Siegesstraße geführt. Yusuke Tasaka erhöhte zum 3:0-Endstand. Die Gesamtbilanz spricht leider für die Gäste: Aus 31 Spielen holte der VfL sieben Siege, zwölf Unentschieden und zwölf Niederlagen.

Beim Duell gegen den FCSP könnte der VfL auch auf einen alten Bekannten treffen: Dimitrios Diamantakos, der zwischen Juli 2017 und Januar 2018 das blauweiße Logo auf der Brust trug, könnte nach überstandenen musklären Problemen wieder im Kader stehen. Auf Seiten des VfL hat Sebastian Maier eine Hamburger Vergangenheit: Drei Jahre lang – von 2013 und 2016 – war der Offensivakteur am Millerntor zu Hause. Für die beiden Trainer Robin Dutt und Markus Kauczinski wird es am Montag im Übrigen eine Premiere werden: Noch nie sind die beiden erfahrenen Cheftrainer, die beide jeweils über 400 Spiele gecoacht haben, in einem Pflichtspiel mit ihren jeweiligen Teams aufeinandergetroffen.

Das war alles andere als verdient. Der VfL Bochum 1848 musste im letzten Heimspiel des Jahres eine bittere 1:3-Niederlage gegen den FC St. Pauli hinnehmen. Nach starkem blau-weißen Beginn gingen die Gäste mit der ersten Chance durch Allagui in Führung (15.). Lukas Hinterseer sorgte zehn Minuten vor der Pause für den hochverdienten Ausgleich. Allerdings musste die Dutt-Elf noch vor dem Seitenwechsel den zweiten Rückstand verkraften. Einen zumindest fragwürdigen Elfmeter hielt Riemann zunächst stark, doch den Abpraller versenkte der deutlich zu früh gestartete Veerman (42.). Nach dem Kabinengang hatte der VfL teils hochkarätige Chancen zum Ausgleich. Vor knapp 23.000 Zuschauern setzten die Kiezkicker in den Schlussminuten zum vorentscheidenden Konter an, Möller Daehli sorgte für das 1:3 aus Bochumer Sicht.

Ein letztes Mal in 2018 hieß es heute: Flutlicht an und ab anne Castroper, der VfL Bochum 1848 kickt! Die Kiezkicker vom FC St. Pauli gastierten am 16. Spieltag der 2. Bundesliga zum Topspiel im Vonovia Ruhrstadion. Und es wurde bei eisigen Temperaturen richtig voll in unserem Schmuckkästchen, 22.916 Zuschauern wollten sich das Verfolgerduell zwischen dem mit 26 Zählern siebtplatzierten VfL und dem um einen Punkt besser dastehenden Tabellennachbarn nicht entgehen lassen – völlig zurecht, konnte der Sieger doch Rang vier übernehmen und bis auf ein Pünktchen an den Relegationsrang heranrücken. Den belegt übrigens der 1. FC Union Berlin, der nächste Gegner der Mannschaft von Robin Dutt. Nette Zusatzinfo: Kein Team konnte in diesem Kalenderjahr häufiger im Unterhaus gewinnen als die Blau-Weißen (13) und die Braun-Weißen (12). Doch die Jungs vonne Castroper konnten die Hamburger seit fünf Partien, in denen nur ein Punkt geholt wurde, nicht mehr bezwingen.

In Sachen Aufstellung waren dem Chefcoach aufgrund von acht Ausfällen weitestgehend die Hände gebunden, so dass Görkem Saglam für den gelbgesperrten Chung Yong Lee die einzige Startelfänderung darstellte. Den freigewordenen Bankplatz von Saglam übernahm der wiedergenesene Timo Perthel, wodurch U19-Mittelfeldmann Lars Holtkamp zur ersten Profinominierung kam und Außenverteidiger Moritz Römling ersetzte. Dutts Pendant Markus Kauczinski, der aus Gelsenkirchen stammt und eine (wenn auch kurze) Historie in der zweiten Mannschaft des VfL hat, hatte ebenso mit Verletzungssorgen zu kämpfen und wechselte vier Mal: Marvin Knoll und Daniel Buballa zogen sich in der Vorwoche Verletzungen zu und fielen komplett aus, der kurzfristig genesene Mats Møller Dæhli nahm auf der Bank Platz. Kapitän Johannes Flum, Jan-Philipp Kalla und Henk Veerman rückten in die erste Elf. Beide Übungsleiter erwarteten von Beginn an einen harten Kampf.

So war es auch: Es ging intensiv zur Sache, nach keinen 60 Sekunden ließ Henk Veerman den ersten Warnschuss ab, auf der anderen Seite verpasste Lukas Hinterseer einen Freistoß Saglams (4.). Der Gast überließ dem VfL zunächst den Ball, schaltete aber gefährlich um. Sami Allagui versuchte es unorthodox aus ganz spitzem Winkel und überraschte Manuel Riemann mit seinem Schuss an den Außenpfosten beinahe (6.). Es deutete sich früh eine interessante und abwechslungsreiche Begegnung an. Tim Hoogland setzte einen Freistoß aus aussichtsreicher Lage knapp am linken Winkel vorbei (15.), wenig später schlugen die Kiezkicker eiskalt zu: Mit etwas Glück gelangte das Leder auf die rechte Seite der Paulianer, wo Luca-Milan Zander ins Zentrum flankte und Allagui fand, der präzise unten links einköpfte (15.). Die Dutt-Elf hatte prompt die Antwort auf dem Fuß, doch Saglam zielte schön von Lukas Hinterseer freigespielt aus spitzem Winkel ans Außennetz (17.). Nach einem Freistoß auf der Gegenseite war es dann Christopher Avevor, der zum Kopfball kam, aber verfehlte (19.). Es ging Schlag auf Schlag, nun wieder die Bochumer. Saglam legte für Sidney Sam auf, sein Schlenzer geriet jedoch zu zentral und war leichte Beute für Robin Himmelmann (21.). Philipp Ziereis sah für ein überhartes Einsteigen gegen Losilla den ersten gelben Karton (23.).

Nach der wilden Anfangsphase nahmen sich die Hamburger eine Offensiv-Auszeit und konzentrierten sich zusehends auf die Defensive, die Dutt-Elf rannte an und suchte die Lücke in der nun engmaschigen FCSP-Hintermannschaft. So musste ein Eckball für die nächste Abschlussaktion herhalten. Anthony Losilla stieg nach Sams Hereingabe am höchsten, doch auch sein Kopfball segelte über den Querbalken (33.). Dann aber belohnte sich der Gastgeber für seine Anstrengungen. Nach gelungener Kombination über rechts landete das Leder bei Losilla, der für Saglam ablegte. Der zögerte nicht und legte das Spielgerät klug in die Mitte, wo Hinterseer heranrauschte und es im Fallen mit aller Macht und unter Mithilfe des Innenpfostens in die Maschen wuchtete (36.). Wichtig, hier vor dem Pausentee zurückzukommen. Es blieb jedoch nicht dabei. Bei einem der wenigen Vorstöße der Kiezkicker entwischte Ryo Miyaichi und umkurvte Riemann, der den Japaner touchierte. Dieser nahm die Berührung dankend an, ging zu Boden und es gab Strafstoß. Allagui trat an, scheiterte an Riemann, doch Veerman setzte nach und drosch die Kugel zur erneuten Gästeführung unter die Latte (42.). Dabei blieb es, obwohl der VfL noch zu einer weiteren Chance kam. Hinterseer setzte zum Fallrückzieher an, Tom Weilandt verlängerte hauchzart drüber, der Ball streifte dabei noch die Latte (44.).

Unverändert kamen beide Teams aus den Katakomben und es ging gleich ohne Anlaufzeit weiter. Vom Anstoß weg spielten die Mannen vom Millerntor flott nach vorn, am Ende war es Jeremy Dudziak, der frei vor Riemann auftauchte, aber am aufmerksamen Bochumer Schnapper scheiterte (46.). Die Gastgeber ließen sich nicht lange bitten und kamen ihrerseits zur ersten gefährlichen Aktion. Losilla bediente den mit dem Rücken zum Tor stehenden Sam, der aus der Drehung abzog. Abgefälscht zischte der Ball flach nicht allzu weit rechts am Kasten vorbei (49.). Dann holten sich die Hamburger die zweite Verwarnung ab, Zander legte Danilo Soares (53.). Pauli versteckte sich nicht und suchte diesmal mit der Führung im Rücken den Weg nach vorn. Waldemar Sobota schlenzte, abgefälscht sauste die Kugel knapp vorbei (57.). Nun war auch der erste Bochumer fällig, Weilandt kam gegen Kalla zu spät und sah Gelb (59.). 

Nach einer guten Stunde nahm der VfL die Zügel dann wieder in die Hand, hatte es gegen den Abwehrverbund der Gäste jedoch nicht leicht und musste zudem auf die weiterhin gefährlichen Konteransätze der Paulianer achten. Es fehlte der letzte und entscheidende Punch. Mit dem ersten Wechsel wollte Dutt dann neue Impulse setzen. Silvère Ganvoula kam als Wandspieler für Saglam auf den Rasen (67.). Zunächst sorgten die Gäste für Gefahr: Erst lud Riemann Veerman beinahe ein, Losilla klärte vor dem einschussbereiten Niederländer (68.), dann stand der Hüne frei in zentraler Position, jagte das Rund jedoch auf die Ostkurve (69.). Fünf Minuten später ging mal wieder ein Raunen durch das Publikum. Weilandt flankte von rechts, wo Sam zum Flugkopfball ansetzte, diesen aber ans Außennetz platzierte (73.). Kauczinski wechselte dann auch erstmals und brachte Ersin Zehir für Flum (74.). Kurz darauf zog der Pauli-Coach mit Møller Dæhli für Miyaichi den nächsten Joker (75.).

Die Schlussviertelstunde brach an, der VfL musste die Schlagzahl weiter erhöhen – und tat es. Weilandt fand Ganvoula am langen Pfosten, Himmelmann war aus Nahdistanz per Fußabwehr zur Stelle (78.). Der Kongolese wollte es nun wissen, kurz darauf feuerte er aus knapp 20 Metern über das Gehäuse (80.). Veerman ließ auf der Gegenseite die Entscheidung liegen, in dem er haarscharf am Bochumer Tor vorbeilupfte (81.), auch Allagui traf Sekunden später nicht. Veerman holte sich dann noch eine Gelbe Karte ab (82.), zudem wechselten die Hamburger ein letztes Mal. Allagui ging runter, Bernd Nehrig kam neu in die Partie (83.). Das Matchglück war dem VfL weiterhin nicht hold. Ganvoula legte für Sam ab, wieder verfehlte der ehemalige Nationalspieler aus bester Position (84.). Das rächte sich umgehend. Diesmal spielten die Kiezkicker einen Konter zu Ende, Veerman legte letztlich für Møller Dæhli quer, der nur noch einschieben musste (86.). Dutts Mannen gaben sich nicht geschlagen, doch es zeichnete sich ab, dass das die Entscheidung war. Pauli stand hinten an diesem Tage einfach gut. Symptomatische die letzten Szenen der Bochumer: Ganvoula tankte sich in der Nachspielzeit über links durch und suchte Weilandt, der um Haaresbreite verpasste. Nach der folgenden Ecke landete die Kugel bei Hinterseer, der es im Fünfmeterraum irgendwie fertigbrachte, wieder ein Hamburger Abwehrbein zu erwischen.

So musste der VfL am 16. Spieltag die dritte Heimniederlage quittieren und bleibt Siebter. Pauli klettert hingegen auf Rang vier und liegt dort vier Punkte vor den Bochumern. Punktgleich mit den Gästen Dritter ist der noch unbesiegte 1. FC Union Berlin, wo Dutt und Co. am kommenden Samstag (13 Uhr) zum Hinrundenabschluss antreten werden.

Robin Dutt (Cheftrainer VfL Bochum 1848): Glückwunsch an den FC St. Pauli, von unserer Seite war es natürlich nur bedingt ein gutes Spiel. Ich denke, die Partie hat sehr früh gezeigt, dass hier zwei unterschiedliche Spielanlagen aufeinander treffen. Die Spielanlage von St. Pauli war heute einfach die erfolgsversprechendere. Unser Offensivspiel, auch wenn es noch so gut angelegt war, war doch schon geprägt von einer sehr offenen Restverteidigung. Unsere Angriffe waren nicht in der Form abgesichert, wie wir das eigentlich kennen von unserer Mannschaft. So ist auch schnell das 1:0 gefallen, wo wir die Flanke nicht verhindern können und auch in der Mitte das Tor nicht verhindert bekommen. Zum Elfmeter: Ja, da verlieren wir einen Zweikampf zu zweit im zentralen Mittelfeld und lassen dann den Schnittstellenball zu. Das gehört eben auch zum Fußballspiel: Nicht nur die Spielanlage nach vorne, sondern letztlich auch die Absicherung nach hinten. Je länger es ging, desto mehr gehst du natürlich ins Risiko. Dann bekommt St. Pauli noch mehr Konterchancen. Und der zweite große Kritikpunkt ist natürlich, dass du bei allem offenen Spiel so viele Chancen hattest. Görkem Saglam geht alleine aufs Tor und macht nicht das 1:1. Das hat sich in der zweiten Halbzeit fortgesetzt. Silvère Ganvoula muss das 2:2 machen. Selbst in der Nachspielzeit werden noch zwei Bälle von der Linie gekratzt. Das sind zwei elementare Faktoren. Die Restverteidigung und die Torverwertung, die nicht passt. So arg viele Komplimente kann ich meiner Mannschaft in diesem Fall für dieses eine Spiel nicht geben. St. Pauli ist mit ihrer Spielanlage durchgekommen, sie haben das gut gemacht. Deshalb fand ich den Sieg nicht ganz unverdient.

Lukas Hinterseer (VfL Bochum 1848): Vor allem in der ersten Halbzeit waren wir die klar bessere Mannschaft. Gefühlt ist St. Pauli zweimal über die Mittellinie gekommen und schießt zwei Tore. Es hat uns trotzdem nicht aus der Bahn geworfen, wir haben weiter nach vorne gespielt. Leider sind wir dann nicht ganz so gut aus der Halbzeitpause gekommen und St. Pauli war in dieser Phase besser. Ich glaube, dass man uns trotzdem unsere Bemühungen nicht absprechen kann. Wir haben Druck nach vorne gemacht und uns Chancen herausgespielt. Leider sollte es heute einfach nicht sein.

Anthony Losilla (VfL Bochum 1848): St. Pauli hat es heute sehr clever gemacht. Sie haben den Ball gelassen, uns ihre zwei Chancen eiskalt genutzt. St. Pauli war konsequenter als wir. Im letzten Drittel hat bei uns etwas gefehlt – der letzte entscheidende Pass, da waren wir nicht clever genug. Das ist schade, denn es war mehr drin heute. Gegen so eine Spitzenmannschaft müssen wir es besser machen. Wir werden das Spiel analysieren, um es bei nächsten zwei Spielen besser zu machen. Wir wollen mit Selbstvertrauen zu Union und nach Köln fahren.

Manuel Riemann (VfL Bochum 1848): Wir machen es dem Gegner zu einfach, Tore zu erzielen. St. Pauli hatte in den ersten Minuten einen Pfostenschuss, danach haben wir das Spiel komplett an uns gerissen und dominiert. Dann kommt der Gegner einmal in unsere Hälfte und macht sofort das Tor. Wir brauchen nicht darüber sprechen, dass wir oben mitmischen wollen, wenn wir es dem Gegner in solchen Situationen so leicht machen.