14. Spieltag

VfL Bochum 1848
2: 1
FC Erzgebirge AueFC Erzgebirge Aue

Sa,  24.11.201813:00 Uhr2. Bundesliga

DEN FLUCH BRECHEN

„Aue, immer wieder Aue“, dürften bestimmt einige Fans des FC Erzgebirge Aue in Anlehnung an ihre Torhymne geseufzt haben, als sie in dieser Woche einen Blick auf den Spielplan geworfen haben. Ein Auswärtsspiel steht an. Und auswärts, das wissen sie, ist ihre Mannschaft in dieser Saison nicht sonderlich erfolgreich. Nur ein einziges Mal durften die Aue-Anhänger im fremden Stadion jubeln: am sechsten Spieltag beim MSV Duisburg. Ansonsten musste sich das Team von Trainer Daniel Meyer fünfmal geschlagen geben. Einmal gab es ein Remis. Dieser Negativlauf soll nach Ansicht des FCE natürlich am besten im Vonovia Ruhrstadion gebrochen werden. 

Der Auswärtsfluch liegt jedoch nicht erst seit dieser Spielzeit auf den Sachsen. Bereits in der vergangenen Saison tat sich der FCE in der Fremde schwer. Nur magere 14 Zähler konnten in 17 Partien eingefahren werden. In Bochum hat der Verein aus dem Erzgebirge übrigens seit dem Jahr 2013 nicht mehr gewonnen. Der besagte 3:0-Erfolg war der erste und bislang auch einzige Sieg der „Veilchen“ anne Castroper.

Das letzte Gastspiel des FCE in Bochum ist noch nicht allzu lange her. Am 32. Spieltag der vergangenen Saison siegte der VfL nach einem Doppelpack von Robbie Kruse mit 2:1. Pascal Köpke, der seit der laufenden Spielzeit beim Bundesligisten Hertha BSC unter Vertrag steht, hatte den zwischenzeitlichen Ausgleich erzielt. Damals stand noch Hannes Drews als Cheftrainern bei den Gästen an der Seitenlinie, der am Ende jener Saison, die mit dem umjubelten Klassenerhalt endete, überraschend aus privaten Gründen sein Amt niederlegte.

Wenig später stellte FCE-Präsident Helge Leonhardt den neuen Veilchen-Trainer Daniel Meyer vor, einen bis dato recht unbekannten Coach. Als Jugendtrainer beim FC Energie Cottbus, dem Halleschen FC sowie beim 1. FC Köln sammelte der Fußballlehrer erste Erfahrungen, ehe er im Sommer im Erzgebirge zum ersten Mal bei einem Zweiligisten anheuerte. Zehn Spieler verpflichteten die Veilchen zur laufenden Saison und setzten dabei auf etliche junge Talente – wie zum Beispiel Maximilian Pronichev von Hertha BSC oder Emmanuel Iyoha von Fortuna Düsseldorf –, aber auch auf erprobtes Personal. In Pascal Testroet von Dynamo Dresden oder den Rückkehrern Jan Hochscheidt und Steve Breitkreutz von Eintracht Braunschweig kamen erfahrene Zweiligaprofis ins Erzgebirge, die sich inzwischen als Stammspieler etablierten.

Der Saisonstart fiel mit nur einem Punkt aus den ersten vier Spielen deutlich unter der Erwartung aus, doch stabilisierte sich die Mannschaft daraufhin und belegt seither einen Platz im unteren Tabellendrittel. „Wir standen noch nie auf einem direkten Abstiegsplatz. Das war das Ziel“, kommentierte Meyer den bisherigen Saisonverlauf. „Aber wir haben einige Punkte liegenlassen – Magdeburg, Sandhausen, Paderborn, da war mehr drin. Da haben wir nicht unser Limit erreicht.“ Vor der Länderspielpause musste sich der FCE zuletzt beim 1. FC Heidenheim (0:1) sowie gegen den Hamburger SV (1:3) geschlagen geben.

Die Gesamtbilanz spricht vor der heutigen Partie in jedem Fall für den VfL: Aus 17 Duellen gingen die Bochumer neunmal als Sieger vom Platz. Fünfmal verlor man und dreimal wurden die Punkte geteilt. Und wo wir gerade schon beim Thema Zahlen sind: Beim heutigen Spiel kehren gleich fünf ehemalige VfL-Akteure an ihre alte Wirkungsstätte zurück. Malcolm Cacutalua (2014-16), Christian Tiffert (2013/14), Dominik Wydra (2016/17), Luke Hemmerich (2017/18) sowie Sören Bertram (2012-14) trugen allesamt schon das Bochumer Wappen auf dem Trikot.

Was für ein Finish im Vonovia Ruhrstadion! Der VfL Bochum 1848 sorgte am Samstagmittag mal wieder für ein ordentliches Spektakel anne Castroper. Vom Start weg war die Dutt-Elf den Gästen haushoch überlegen. Doch lange Zeit führten die Veilchen durch das frühe Tor von Testroet (2.). Die Blau-Weißen haben aber jemanden in ihren Reihen, der sich aktuell in unfassbarer Form befindet. Tom Weilandt sorgte in der 73. Minute zunächst für den hochverdienten Ausgleich, ehe er in der letzten Sekunde der Nachspielzeit per Traumtor für den Heimsieg sorgte! Der Jubel beim Großteil der 17.021 Zuschauer kannte keine Grenzen!

Spieltag 14 im Unterhaus, nach zwei Montagabendpartien empfing der VfL Bochum 1848 diesmal vor 17.012 Zuschauern am Samstagmittag den Tabellendreizehnten FC Erzgebirge Aue anne Castroper. VfL-Cheftrainer Robin Dutt änderte seine Formation im Vergleich zum Erfolg über den SV Darmstadt 98 auf einer Position und beorderte Görkem Saglam, der sein Startelfdebüt in dieser Spielzeit feierte, in die erste Elf. Für ihn musste Robbie Kruse passen, der mit einer Adduktorenverletzung von der Länderspielreise zurückkehrte. Chung Yong Lee nahm den freigewordenen Bankplatz ein, ansonsten war der blau-weiße 18er-Kader unverändert. Dutts Pendant Daniel Meyer tauschte doppelt. Martin Männel kehrte nach überstandener Knieblessur zwischen die Pfosten zurück, zudem feierte Florian Krüger (für Dimitrij Nazarov) seine Profi-Premiere. In Malcolm Cacutalua stand ein ehemaliger Bochumer in Aues Anfangsaufgebot, zudem nahm Dominik Wydra auf der Reservebank Platz.

Die beiden Kontrahenten ließen dann vom Anpfiff weg keine Zeit verstreichen, es ging gleich munter zur Sache. Nach knapp 20 Sekunden setzte Debütant Saglam Tom Weilandt in Szene, der Aues Schlussmann Männel gleich zur ersten Glanztat zwang (1.). Effektiver waren auf der Gegenseite die Veilchen, die ihren ersten Angriff durch Pascal Testroet, der von Florian Krüger bedient wurde, gleich zur frühen Führung vollenden konnten (2.). Das passte dem Gast aus dem Erzgebirge natürlich bestens in den Kram, fortan konnten sich die Erzgebirgler einer kompakten Defensive und schnellen Gegenstößen widmen. Doch davon ließen sich die Hausherren natürlich nicht entmutigen, Saglam versuchte es per Flachschuss, Robert Tesche hämmerte im Nachschuss aus der Distanz drauf – zu zentral Männel konnte die Kugel über die Latte lenken (8.). Der VfL beherrschte den Ball, musste gegen die engmaschige Hintermannschaft Aues aber reichlich Geduld aufbringen. Anthony Losilla, Weilandt und Sidney Sam hatten bis Minute 20 noch Gelegenheiten, kamen aber entweder nicht zu klaren Abschlüssen oder verfehlten das Ziel. Gäste-Akteur Steve Breitkreuz musste dann verletzungsbedingt ersetzt werden, nachdem er es nach einem Crash mit Tesche noch einige Minuten versuchte. Wydra rückte rein (22.).

Mitte des ersten Abschnitts ergab sich eine aussichtsreiche Freistoßposition für Sam, nachdem Dennis Kempe Weilandt umgesenst hatte und den die erste Verwarnung kassierte (25.), dieser verpuffte jedoch genau wie der folgende Eckstoß. Die Veilchen verstanden es, die Räume geschickt zu verengen und dem VfL dabei den Großteil des Ballbesitzes zu überlassen. Den konnten Dutts Mannen aber nicht in zwingende Gelegenheiten ummünzen, auch weil Weilandt und Lukas Hinterseer eine blendende Konterchance, wo sich einmal Platz bot, nicht ausspielen konnten (36.). Die Partie fand gefühlt nur in Aues Hälfte statt, Flanke um Flanke segelte in den Strafraum, Abschlüsse oder gar Gefahr blieben jedoch Mangelware. So plätscherte die Partie dem Pausentee entgegen, womit der Gast logischerweise bestens leben konnte. Hinterseer bekam dann nach einer theatralischen Einlage Jan Hochscheidts auch den ersten Gelben Karton der Bochumer verpasst (41.). Trotz dreiminütiger Nachspielzeit, Aue ließ sich häufig aufreizend viel Zeit, ging es mit dem Rückstand in den Kabinentrakt. 

Aus diesem kam der VfL unverändert, Aues Coach Meyer hingegen ersetzte den Torschützen Testroet durch Fabian Kalig. Wieder dauerte es dann nicht lange, ehe es laut im Vonovia Ruhrstadion wurde. Sam ließ kurz nach Wiederbeginn den ersten Schuss los, der aber zur Ecke abgefälscht wurde (47.). Ex-Bochumer Wydra holte sich dann für ein rüdes Einsteigen gegen Tesche eine Gelbe Karte ab (50.) und hatte kurz darauf Glück, dass er für ein weiteres Foul an Saglam nicht vorzeitig zum Duschen musste (53.). In der Zwischenzeit hatte Hinterseer eine gute Kopfballchance, die Kugel rauschte jedoch knapp vorbei (52.). Nach einem weiteren Standard zappelte das Spielgerät dann im Auer Netz, Tesche hatte ihn hineinbefördert. Ärgerlicherweise stand Vorlagengeber Hinterseer zuvor im Abseits – der Treffer zählte nicht (54.). 57 Minuten waren absolviert, ehe Dutt seinen ersten Joker zog, Lee ersetzte den bemühten Saglam. Aue sammelte derweil weiter Verwarnungen, Clemens Fandich war nach Foul an Lee der nächste (59.). In der nächsten Aktion folgte ein weiteres Foul, diesmal im Strafraum. Kempe hatte Weilandt gelegt, den fälligen Strafstoß wollte Hinterseer jedoch zu genau machen und setzte das Leder an den Pfosten (61.). Der Österreicher erhielt dann Unterstützung im Sturmzentrum, Silvère Ganvoula nahm Sams Stelle ein (63.).

Es blieb zunächst wie verhext für den VfL. Weilandt wollte nach einem weiteren Freistoß Hinterseer in Szene setzen statt es selbst zu versuchen, Aue konnte klären. Die folgende Flanke setzte Hinterseer dann am langen Pfosten vorbei (66.). Die Gastgeber machten und taten, angefeuert vom nimmermüden Publikum, die Belohnung sollte endlich kommen. Abermals flog das Leder in den Strafraum Aues und landete über Umwegen vor den Füßen Weilandts, der aus zentraler Position abzog und Männel überwinden konnte (72.) – 1:1 und es war noch reichlich Zeit auf der Uhr, um die Partie noch komplett umzubiegen. Der Gast meldete sich nach einiger Zeit auch mal wieder offensiv an, Kempe prüfte den bis dahin fast beschäftigungslosen Manuel Riemann (76.). Auf der Gegenseite steckte Weilandt dann für Losilla durch, der aber gerade noch abgedrängt werden konnte (77.). Meyer wechselte ein drittes Ml und verstärkte wieder den Angriff, Emmanuel Iyoha kam für Krüger auf den Rasen (79.).

In der Schlussphase wurde es zunehmend hektischer. Losilla wurde im Strafraum grenzwertig von Kalig bearbeitet, diesmal blieb Dr. Robert Kampkas Pfeife stumm (81.), kurz darauf gab es auch Gelb für Torschütze Weilandt (82.). Auch Tim Hoogland holte sich nach einem Luftzweikampf seine vierte Verwarnung dieser Saison ab (86.). Die Dutt-Elf setzte den Gästen weiter zu und es ergab sich noch eine große Gelegenheit für Tesche, der den Ball per Kopf jedoch nicht richtig traf und daher freistehend danebensetzte (88.). Bochum rannte an, Aue unterband viel mit kleinen Fouls. Es musste also kombiniert werden, was über Ganvoula und Lee auch klappte. In guter Schussposition verzog der Blaue Drache aber deutlich (90.). Nachdem die Nachspielzeit in jüngster Vergangenheit kein Freund des VfL war, änderte sich das in dieser Partie: Langer, letzter Versuch, Ganvoula brachte die Kopfballverlängerung zu, selbstverständlich, Weilandt und Hille verarbeitete den Ball auf technisch höchstem Niveau und versenkte es traumhaft in den Winkel zum 2:1 – die letzte Aktion des Spiels und der Siegtreffer durch Hilles siebten Saisontreffer. Geil! 

Robin Dutt (Cheftrainer VfL Bochum 1848): „Schon bei der Vorbereitung auf die Partie waren wir von der Spielanlage von Aue angetan. Im Spiel hatten wir zwar die erste Chance durch Tom Weilandt, doch dann war es Aue, die das Tor erzielt haben – und das war kein Zufallstor, sondern entsprach ihrer Spielanlage. Umso beeindruckender war es, dass wir bis auf wenige Situationen, die restliche Spielzeit – auch spielerisch – beherrscht haben. Es war eine unglaubliche Laufleistung von der Mannschaft heute. Natürlich waren wir immer im Risiko und mussten es auch in Kauf nehmen, dass mal ein Fehler im Abspiel passiert und du in einen Konter läufst. Es waren eins, zwei gefährliche Ansätze da. Doch wir haben nicht gelassen und den Druck aufrechterhalten. Wir haben in der letzten Zeit Punkte in der Nachspielzeit abgegeben, dieses Mal haben wir das Tor gemacht. Alles in allem war es ein sehr gutes Spiel von uns.“  

Daniel Meyer (Cheftrainer FC Erzgebirge Aue): „Wir brauchen gar nicht drum herumreden: Bochum hat heute verdient gewonnen. Die erste Halbzeit war aus unserer Sicht noch ok, weil wir gut verteidigt haben. In der Pause haben wir uns entschlossen, das System zu ändern und auf ein 4-1-4-1 zu wechseln, um mehr Breite und Unterstützung auf den Flügeln zu haben. Die zweite Halbzeit war aus unserer Sicht eine klassische Abwehrschlacht. Wir hatten kaum Ballbesitz und sehr wenig Entlastung. Wir hätten fast einen Punkt klauen können, deshalb tut die Niederlage am Ende weh. Doch ich kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen, weil sie sich reingehauen hat.“  

Anthony Losilla (VfL Bochum 1848): Diesen Sieg haben wir heute erzwungen. Wir haben alles getan, um das Spiel zu drehen, dann wurden wir belohnt. Wir sind natürlich sehr glücklich am Ende, das tut richtig gut. So ein Spiel darf man auch nicht verlieren. Wir waren deutlich besser als der Gegner. Das frühe Gegentor war natürlich ärgerlich, aber wir haben hart gekämpft um das Spiel zu gewinnen. Die gesamte Mannschaft hat heute alles gegeben, das war super! Vor der Winterpause müssen wir jetzt noch alles dafür tun, um die nächsten Punkte zu holen. Dann können wir schauen, wo wir zur Hälfte der Saison landen. Als nächstes geht es nach Magdeburg, der Verein hat gute Fans, steht aber in der Tabelle schlecht da. Heute haben wir aber gezeigt, dass wir gegen solche Teams gut unterwegs sind.

Lukas Hinterseer (VfL Bochum 1848): Ich glaube, wir haben das ganze Spiel dominiert und schon nach 20 Sekunden die riesige Chance zur Führung. Nach dem Gegentor im Gegenzug war es natürlich schwer. So viel Ballbesitz hatten wir wohl noch nie, dennoch hat Aue es sehr gut gemacht, aggressiv und körperbetont. Wir haben unser Ding weitergemacht und gewusst, dass sich irgendwann Lücken aufreißen. Es war mein erster verschossener Elfmeter, da war ich schon etwas geschockt. Aber zum Glück hat der Hille es wiedergutgemacht. Am Ende kommt im Laufe der Saison alles zurück und heute haben wir es uns erarbeitet, auch mal in der Nachspielzeit den Siegtreffer zu machen. Klar braucht man auch Glück, aber das haben wir uns einfach verdient.

Tom Weilandt (VfL Bochum 1848): Wenn man so drückt und das Spiel durchgehend macht, dann entscheidet man die Spiele auch für sich. Da gehört auch immer etwas Glück dazu. Das hatten wir heute, aber es war mehr als verdient. Ich wiederhole mich, wenn ich sage, ich fühle mich einfach gut, bekomme hier das Vertrauen und zahle es dann auch gerne zurück. Jeder im Stadion ist explodiert, ich natürlich auch. Was Schöneres gibt es nicht, als so den Schlusspunkt zu setzen. Jetzt schauen wir, dass wir den Schwung nach Magdeburg mitnehmen, dann kommen noch dicke Brocken. Wenn wir die Euphorie mitnehmen, haben wir in alles Spielen eine Chance.