Von Bochum über Hennef bis hin nach London – Benjamin Seifert, der seit Sommer die U14 des VfL Bochum 1848 trainiert, blickt auf ein besonderes Jahr zurück. Als einer von 20 Teilnehmern hat er 2022 die A+ Lizenz gemeistert, als erster Jahrgang überhaupt. Im Interview spricht Seifert über den Spagat zwischen der Arbeit beim VfL und den Lehrgängen, eine beeindruckende Hospitation beim FC Arsenal und eine verschworene Gemeinschaft unter den Teilnehmern.

Benjamin Seifert, du hast in diesem Jahr die A+ Lizenz absolviert und erfolgreich gemeistert. Herzlichen Glückwunsch dazu! Wann und mit welchem Antrieb hast du dich dazu entschieden, die Lizenz zu machen?
Bereits frühzeitig habe ich mitbekommen, dass eine Reform in der Trainerausbildung stattfindet. Als ich die ersten Konzepte gesehen habe, war ich – und das bin ich noch heute – absolut überzeugt von der Veränderung der Ausbildungsstruktur im Jugendbereich. Für mich war es dann relativ schnell klar, dass ich mich für die A+ Lizenz bewerbe.

Welche Kriterien spielten beim Bewerbungsverfahren eine Rolle?
Das Aufnahmeprüfverfahren basiert auf einem Punktesystem. Ein paar Grundvoraussetzungen müssen erfüllt werden, um sich bewerben zu können. Dabei geht es vor allem um Spieler- und Trainererfahrungen, sportliche Weiterbildungen und grundsätzlich relevante Bildung in diesem Bereich. Die 20 Bewerber, die die meisten Punkte hatten, wurden dann zur Ausbildung für die A+ Lizenz zugelassen.

Was ist die A+ Lizenz eigentlich genau?
Die A+ Lizenz ist quasi der Fußballehrer für den Jugendbereich. Es ist die höchste Ausbildungsstufe, die man im Nachwuchsbereich absolvieren kann. Damit lassen sich jegliche Jugendmannschaften bis hin zu Bundesliganiveau sowie auch Junioren-Nationalmannschaften trainieren. Die A+ Lizenz wurde erst mit unserem Jahrgang eingeführt. Wir sind also die ersten Absolventen überhaupt.

Du hast beim VfL viele Funktionen inne: U14-Trainer, Leitung Talentwerk-Haus und Soziales, Kinderschutzbeauftragter und mehr. Wie hast du das mit den Lehrgängen unter einen Hut bekommen?
Das geht nur mithilfe großartiger Unterstützung. Viele Menschen waren daran beteiligt, die ich gar nicht alle aufzählen kann. Zwei möchte ich besonders hervorheben: Julian Schroer, der bis Sommer mein Co-Trainer in der U15 war; und Mats Weber, der seit Sommer mein Co-Trainer in der U14 ist. Die beiden haben sich über die Maße hinweg engagiert und dafür Sorge getragen, dass hier im Bereich Mannschaft alles läuft. Und dass es nicht nur in Ordnung, sondern richtig gut läuft. Darüber hinaus haben unzählige weitere Kollegen Dinge abgefedert. Auch aus Sicht des VfL kann es nur im Sinne des Vereins sein, gut ausgebildete und qualifizierte Mitarbeiter zu haben.

Welche inhaltlichen Schwerpunkte hat die Lizenz gelegt?
Natürlich wurden sportliche Themen behandelt, die auf das Fußballspiel einzahlen. Von Trainingsplanung und -steuerung über das Herausarbeiten von Spielprinzipien in sämtlichen Spielphasen bis hin zum großen Themenkomplex Führung – wir haben uns mit vielen Dingen beschäftigt, die wir auch zum Teil bereits anwenden. Nur jetzt haben wir uns diese bewusst gemacht und in eine Struktur gebracht. Außerdem haben wir uns mit Themen befasst, die rundum auf Spieler einwirken. Neben Ernährung und Schlaf gehörten erweiterte Trainingsinhalte wie neurozentriertes Training und Life Kinetik dazu. Auch sportpsychologisches Coaching, die Team- und Spielerentwicklung im Detail spielten eine Rolle.

Habt ihr euch mit allen Altersklassen beschäftigt?
Es ging um so gut wie alle Altersklassen, von der U12 bis hin zum Erwachsenenbereich. Da es sich um eine Lizenz für Jugendtrainer handelt, ist der Erwachsenenbereich nicht mehr abgedeckt. Wir haben uns mit den Veränderungen der verschiedenen Generationen – wie die Generationen Z oder Alpha – beschäftigt.

Wie viel Zeit hat die A+ Lizenz in Anspruch genommen?
Von Januar bis Dezember 2022, also quasi ein komplettes Kalenderjahr. Ich hatte nahezu tagtäglich mit den Lehrgängen sowie mit Vor- und Nachbereitung zu tun.

Konntest du bei allen Spielen deiner Mannschaft dabei sein?
Tatsächlich habe ich kein einziges Spiel meiner U14 verpasst. Aber natürlich konnte ich bei mehreren Trainingseinheiten nicht dabei sein. So viele Trainingseinheiten wie in diesem Jahr hatte ich zuvor in den vergangenen 22 Jahren als Trainer nicht versäumt.

Wie groß war eure „Teilnehmerklasse“?
Wir waren 20 Teilnehmer, plus Janis Hohenhövel. Er hat im Lehrgang in seiner Funktion als Co-Trainer im DFB-Nachwuchsbereich als Bindeglied zwischen uns und dem DFB fungiert. Das Teilnehmerfeld war total bunt verstreut. Hamburg, Bremen, Leipzig, Freiburg, Saarbrücken, Unterhaching, Regenburg, Sandhausen – ganz bunt gemischt. Kollegen aus NRW waren auch dabei, aus Leverkusen bzw. Köln.

Wo fanden die Lehrgänge statt?
Wir waren sehr oft in Hennef, sowie jeweils zweimal in Bochum und Kaiserau. In Paderborn durfte ich einen Vortrag beim Bund Deutscher Fußball-Lehrer halten, zusammen mit Janis Hohenhövel (aktuell Co-Trainer der U16 beim DFB). Außerdem war ich vier Tage lang mit Björn Dreyer (aktuell U17-Trainer beim SV Werder Bremen) in London, dort habe ich beim FC Arsenal hospitiert. Das war wirklich sensationell gut. Wir waren geladene Gäste von Per Mertesacker, der uns persönlich in Empfang genommen und vor Ort vernetzt hat. Das war eine Riesen-Erfahrung.

Also war die Hospitation beim FC Arsenal dein persönliches Highlight der Ausbildung?
Die Zeit dort war auf jeden Fall eines meiner Highlights, ja. Das ist schon eine ganz andere Welt mit ganz anderen Möglichkeiten, die dem FC Arsenal zur Verfügung stehen. 20 Millionen Euro werden dort jährlich in den Jugendbereich investiert. Was technische Ausstattung, Infrastruktur usw. angeht, ist das schon Benchmark, glaube ich.

Was hat dich dort besonders beeindruckt?
Der klarer Plan und das klare Wertekonstrukt haben mir besonders imponiert. Englands ganzheitliche Idee über Ausbildung und Spielbetrieb im Fußball ist viel, viel moderner als bei uns. Der Spieler selbst steht deutlich mehr im Mittelpunkt. Dafür gibt die Premier League einen guten Rahmen vor, der bei uns – mit dem föderalistischen System – so gar nicht umzusetzen ist. Bis zur U16 gibt es im Ligabetrieb keine Auf- und Abstiege. So wird der Druck von den Talenten total genommen. Das fand ich neben der klaren Wertestruktur sehr beeindruckend.

Wie sieht die Wertestruktur genau aus?
Der FC Arsenal denkt sehr ganzheitlich und baut seine Ausbildung auf vier Säulen auf: „Strong young Gunners“, „Victory through Harmony“, „Better people make better players“ und „Long life learners“. Sowohl auf als auch neben dem Platz sollen starke Persönlichkeiten entwickelt werden. Voraussetzung dafür ist eine gute Atmosphäre. Das war für mich auch in der Praxis sichtbar. Jeder Mitarbeiter vor Ort war nahbar und ist mit seinem Gegenüber gut umgegangen. Mit „Long life learners“ ist gemeint, dass jeder Mitarbeiter und jeder Spieler Neugier auf lebenslanges Lernen empfinden soll.

Haben die Erfahrungen dort deinen Wertekodex verändert?
Nein. Mein Wertefundus deckt sich zum Großteil mit dem, was Arsenal sich auf die Fahne schreibt.

Mit der A+ Lizenz in der Tasche – welche Ziele verfolgst du in der nächsten Zeit?
Ich habe keinen Plan A, B oder C, wo ich in zwei, fünf oder zehn Jahren stehe. Das, was ich tagtäglich tue, mache ich total gerne und versuche das bestmöglich zu machen. Ich bin froh, wenn ich bald wieder vollumfänglich zur Verfügung stehe. Ich fühle mich im Jugendbereich sehr wohl.

Dein Fazit zum Lehrgang?
Es war ein sehr, sehr intensives Jahr. Mit sehr, sehr, sehr vielen positiven Erlebnissen und besonderen Menschen, die ich kennengelernt habe. Das weiß ich sehr zu schätzen. Einerseits freue ich mich natürlich, die A+ Lizenz geschafft zu haben. Andererseits verspüre ich auch große Wehmut, weil wir unter den Teilnehmern eine verschworene Gemeinschaft geworden sind. Deutschlandweit habe ich Leute kennengelernt, die mir wirklich ans Herz gewachsen sind. Von daher sehe ich das schon mit einem weinenden Auge.

Sprich: Der Lehrgang ist jedem weiterzuempfehlen? 
Inhaltlich würde ich es auf jeden Fall weiterempfehlen. Man muss sich aber bewusst sein, dass extrem viel abverlangt wird. Neben den Präsenzveranstaltungen mussten wir auch noch 102 Anwendungsaufgaben zwischen den Präsenzen absolvieren.

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