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Historie / VfL-Legenden

Andreas Wessels:
Gute alte Zeiten und Legats legendäre Fahrstunde
(aj) Wenn in Bochum und beim VfL der Name „Kaiser“ fällt, ist sofort klar,wer gemeint ist. Rund ums Ruhrstadion ist dann von Andreas Wessels die Rede. Nicht etwa von Franz Beckenbauer. Der ehemalige Torwart mit dem adeligen Spitznamen lebt heute mit seiner Familie in Köln: „Hier kennt mich aber keiner als Kaiser, hier heiße ich Andi. Nur wenn ich alte VfL-Kollegen treffe, bin ich für die immer noch der Kaiser.“ Im Gespräch mit „Mein VfL“ blickt er auf seine Zeit in Bochum zurück.

Andreas Wessels wechselt 1986 zum VfL. Geboren und aufgewachsen am Niederrhein, hat er es bis zum Stammtorhüter beim Oberligisten Viktoria Goch gebracht. Als VfL-Trainer Hermann Gerland gerade die neue Saison plant, erhält er von Erich Rutemöller den entscheidenden Tipp: „In Goch spielt ein Guter im Tor. Teste den bei dir im Training.“

Kurz darauf stellt sich Andreas Wessels in Bochum vor – und überzeugt Gerland. Der „Tiger“ sucht einen jungen, ehrgeizigen Keeper, der sich als Nr. 2 hinter Ralf Zumdick entwickeln kann. Heute sagt Wessels: „Von Katze Zumdick habe ich unheimlich viel gelernt. Übungen im Training, Konzentration aufs Spiel. All das kannte ich so aus der Oberliga nicht.“ Lange muss er zunächst auf seine Chance warten. Erst 1989 setzt der neue Coach Reinhard Saftig auf Wessels. „Katze und ich sind aber immer prima klargekommen. Das war ein gutes Verhältnis. Nicht so wie bei Schumacher und Stein“, lacht er heute.

Insgesamt 121 Spiele bestreitet der „Kaiser“ für den VfL Bochum bis 1995 in der Bundesliga. Seinen Spitznamen hat er aber schon in den ersten Wochen in Bochum weg. Andreas Wessels erklärt: „Beim beliebten Eckenspiel fünf gegen zwei war ich immer ganz gut. Einmal habe ich mit der Hacke einen Beinschuss gegen einen Mitspieler verteilt. Einer meinte dann: Du spielst ja wie der Kaiser. Das blieb hängen.“ Wenn er heute über seine Zeit in Bochum spricht, redet er von „wunderschönen Jahren“. Mit Jupp Nehl hat er in Altenbochum in der Bonhoefferstraße Tür an Tür gelebt. „Ich bin mit meiner heutigen Frau Susanne damals in die alte Wohnung von Heinz Knüwe gezogen. Jupp hat das Appartement nebenan genommen. Da haben wir viel Zeit gemeinsam verbracht.“

Lange spielen beide für den VfL, ehe es Andreas Wessels 1995 zu Fortuna Köln zieht. Die Begründung: „Klaus Toppmöller hat mit Ernst und Gospodarek zwei neue Torhüter geholt. Er wollte einen Neuanfang.“ Wenig später muss Wessels aber seine Karriere beenden. Nach großen Problemen am Sprungbein wird er Sportinvalide.

Das Leben als Fußball-Profi ist beendet, er setzt sich neue Ziele. Neben Ehefrau Susanne gehören inzwischen die Söhne Miron, Bent und Jan zur Familie. Lebensmittelpunkt bleibt Köln. Und dort hat der Unternehmer Wessels eine neue Geschäftsidee entwickelt. Nicht weit entfernt vom alten Müngersdorfer Stadion betreibt er eine Halle mit acht Fußballfeldern. Die sind komplett umrandet, die Unterlage ist Kunstrasen.

„Nach Witten, Dortmund und Oberhausen sind wir die vierte SOCCER-WORLD. Hier in Köln kommt das riesig an, die Nachfrage nach freien Zeiten ist groß.“ Zur Eröffnung in diesem Herbst kam auch der VfL Bochum mit der rewirpower-Traditionsmannschaft. Sehr zur Freude des Ex-Keepers: „Die alten Kumpels wiederzusehen, war schön. Rob Reekers, Ata Lameck, Michael Rzehaczek bin ich dankbar, dass sie sich die Zeit genommen haben.“ Zudem arbeitet er für den Sportartikelhersteller Derbystar, der den VfL mit Bällen beliefert und auch Christian Vander ausrüstet. Allein deswegen kommt der 38jährige ab und an dienstlich nach Bochum.

Dort hat er auch die lustigste Geschichte seiner Profi- Karriere erlebt: „Als 17jähriger trainierte Thorsten Legat schon bei uns mit. Er war gerade dabei, seinen Führerschein zu machen. Wir mussten oft auf anderen Plätzen trainieren und sind mit unseren Autos dahingefahren. Katze und ich haben dann einmal zu Thorsten gesagt: Heute fährst du! Du machst bei uns eine Gratis-Fahrstunde! Der ist munter durch Bochum gebrettert. Und wir hatten unseren Spaß. Als uns am Stadion schließlich Jupp Tenhagen gesehen hat, gab es ein fürchterliches Donnerwetter!“ Schmunzeln darf man drüber – zumal das Vergehen wohl mittlerweile auch verjährt ist.


Dieser Text erschien erstmals im Stadionmagazin "Mein VfL", Saison 2002/03