Historie / VfL-Legenden

Tomasz Waldoch: Leiser Abschied
Die große Show war nie seine Sache: Betont unauffällig biegt Tomasz Waldoch in diesen Tagen bei Schalke 04 in die Zielgeraden seiner Fußballerkarriere ein. Nach zwölf Jahren verlässt der Pole die Bundesligabühne ähnlich leise, wie er sie einst in Bochum betreten hat.

Noch drei Monate, dann soll Schluss sein. Mitte Mai will Tomasz Waldoch, dessen Vertrag beim FC Schalke zum Saisonende ausläuft, seine Fußballschuhe an den Nagel hängen. 35 Jahre ist der Pole dann und über die Hälfte der Zeit davon hat er sein Geld als Profifußballer verdient: "Irgendwann muss ja mal Schluss damit sein", stellt er nicht ohne einen Hauch Bitterkeit fest. "Da spürst einfach, dass Du nicht mehr so gut mitkommst, wie Du gern würdest."

Kein einziges Mal ist Tomasz Waldoch in der laufenden Bundesligasaison bislang zum Einsatz gekommen. Eine ungewohnte Situation für den langjährigen Stammspieler, doch lamentieren hört man Waldoch über seine Reservistenrolle nicht: "Es sind inzwischen einfach bessere Leute vor mir", stellt er unmissverständlich klar, "aber natürlich werde ich weiter dafür arbeiten, meinem Team wenigstens noch einmal aktiv weiterhelfen zu können."

Mit Tomasz Waldoch verlässt in diesen Tagen eine echte Spielerpersönlichkeit die Bundesliga: eine echte Persönlichkeit vor allem deshalb, weil sich Waldoch eben nie selbst ins Rampenlicht gedrängt hat. Dabei kann sich seine Bilanz in zwölf Jahren Bundesliga wahrlich sehen lassen: DFB-Pokalsieg und Vizemeisterschaft mit dem FC Schalke, Bundesligaaufstieg und UEFA-Pokaleinzug beim VfL - an allen Erfolgen war Waldoch in entscheidender Position beteiligt.

Für unseren Verein kickte der gebürtige Danziger seit Oktober 1994 an der Castroper Straße. Jürgen Gelsdorf hatte den damals 23-jährigen in der laufenden Saison als Nobody bei Gornik Zabrze entdeckt und kurzfristig in die Bundesliga geholt: Ein Transfer von großem Weitblick, wie sich schon bald zeigen sollte.

Denn auch wenn Mentor Gelsdorf den VfL nur wenige Wochen später verließ, etablierte sich Waldoch unter Nachfolger Klaus Toppmöller imponierend schnell: Gleich in seiner ersten Saison verpasste der Pole kein Spiel mehr, er wurde als Libero der große Rückhalt einer bis dahin löcheranfälligen Defensive. Und das, obwohl Waldoch zu diesem Zeitpunkt noch kein Wort deutsch sprach und ohne seine Familie allein in Bochum leben musste.

Zuverlässig, unauffällig, effektiv: das waren die Adjektive, mit denen Tomasz Waldoch auch in den folgenden Jahren auf dem Platz wie außerhalb zu überzeugen wusste. Als Leitwolf im Team übernahm er Führungsaufgaben ohne sich in den Vordergrund zu spielen. Ein Star der Fans wurde Tomasz Waldoch nie, dabei war er während seiner gesamten Bochumer Zeit niemals aus der Stammformation wegzudenken. Welcher Spieler kann das schon von sich behaupten?

Kein Wunder, dass diese Kontinuität auch anderen Klubs nicht verborgen blieb. Schon nach seinem ersten Abstieg mit dem VfL 1994 hatte Waldoch Angebote anderer Bundesligavereine vorliegen, wie er heute zugibt: "Aber damals überredete mich mein Freund Dariusz Wosz, doch in Bochum zu bleiben".

So erlebte Waldoch vier weitere "wunderbare Jahre" in Bochum, wie er noch heute hervorhebt. Erst als ihn und den Verein 1999 ein zweites Mal das Abstiegsschicksal ereilte, sah der Profi die Zeit für sich gekommen: "Da musste ich einfach die Konsequenzen ziehen", betont Waldoch. "Das war keine Entscheidung gegen den VfL, sondern für meine Karriere."

Und tatsächlich gelang Waldoch auf Schalke daraufhin eine ganz ähnliche Entwicklung wie beim VfL. Auch bei unseren Nachbarn wurde Waldoch auf Anhieb zu einer unverzichtbaren Abwehrbank, bereits in seiner zweiten Saison stieg er sogar zum Mannschaftskapitän auf. "Das hatte mich damals selbst überrascht. In diese Rolle habe ich mich nie gedrängt", beteuert Waldoch. Kaum jemandem mag man so eine Aussage mehr abnehmen als ihm.

Nach mittlerweile fast sieben Jahren in königsblau ist aus Waldoch heute zweifelsfrei mehr Schalker Knappe denn Bochumer Junge geworden. Dabei wohnt der dreifache Familienvater, dessen ältester Sohn Kamil ebenfalls bereits in der Jugend des S04 spielt, bis heute in Bochum-Wiemelhausen - gerade einmal 500 Meter entfernt von Zeugwart Andy Pahl.

Über unseren Klub will Tomasz Waldoch denn auch bis heute kein negatives Wort verlieren: "Der VfL hat mir die Chance gegeben, mich in der Bundesliga zu etablieren", betont Waldoch, "und ich habe dort viele gute Freunde gefunden."

Zu einem von ihnen, seinem Landsmann Dariusz Wosz, hat Tomasz Waldoch dabei immer noch besonders intensiven Kontakt: "Als ich mich vor kurzem mit Darek über alte Zeiten unterhalten habe", verrät der Profi-Oldie, "habe ich zu ihm gesagt: Ich glaube, ich habe in meiner Karriere einfach sehr viel Glück gehabt."

Wer diese Geschichte aufmerksam gelesen hat, weiß dass Tomasz Waldoch damit höchstens die halbe Wahrheit gesagt haben kann.


Dieser Text erschien im Stadionmagazin "Mein VfL", Ausgabe 3.3.2006