Historie / VfL-Legenden

Jupp Tenhagen: Erster Nationalspieler war beim 6:0 auf Schalke dabei
(aj) Wer über die Derby-Geschichte gegen Schalke nachdenkt, dem fällt sofort ein Spiel ein: Das sagenhafte 6:0 des VfL am 9.Mai 1981 im Gelsenkirchener Parkstadion. Franz-Josef Tenhagen, den alle nur Jupp nennen, war dabei. Für „Mein VfL“ erinnert er sich an den nach wie vor höchsten Auswärtssieg in der Bochumer Bundesliga- Geschichte.

Diese Pleite gegen den VfL Bochum wurmt viele alteingesessene Schalker noch heute. Vor der Neuauflage des brisanten Revier- Klassikers haben wir Jupp Tenhagen getroffen: „Dieses Spiel“, sagt Jupp Tenhagen heute, „lief wie von selbst. Wir haben die Schalker im eigenen Stadion an die Wand gespielt. Sie hatten keine Chance.“

Durch Tore von Rolf Blau und Lothar Woelk führt der VfL, der bereits das Hinspiel mit 5:1 gewonnen hatte, zur Halbzeit schon 2:0. Mit jeweils zwei Treffern machen Kurt Pinkall und Jochen Abel nach dem Wechsel das halbe Dutzend voll. Die VfL-Fans feiern bis tief in die Nacht diesen historischen Sieg in Gelsenkirchen. S04-Keeper Norbert Nigbur erlebt seinen vielleicht schwärzesten Tag im Schalker Tor. Tenhagen beschreibt die Situation nach dem Abpfiff: „Den Klaus Fischer musste ich erst mal trösten. Der war fix und fertig. Die Schalker konnten gar nicht fassen. Was wir da mit ihnen veranstaltet haben."

Später, genauer in der Saison 1988/89, arbeitet Fischer sogar als Co-Trainer beim VfL unter dem Chefcoach Jupp Tenhagen. Seit 1973 ist der heute 50jährige offizieller Lizenzspieler in Bochum. Seinen Original-Pass vom DFB hat Christa Ternow von der Geschäftsstelle in ihrem kleinen Privat-Archiv gehütet wie einen Schatz. Tenhagen selbst hat ihn seit Jahren nicht gesehen.

Vor seinem Wechsel zum VfL spielt „der Ten“ bei Rot-Weiß Oberhausen. „Aber wie der VfL um mich geworben hat, ist schon sensationell“, lacht Jupp Tanhagen. Irgendwann im Frühjahr 1973 taucht Obmann Erwin Höffken vor Tenhagens damaliger Wohnung in Oberhausen auf: „Erwin brachte einen Riesen-Blumenstrauß mit. Der war für meine Frau, und das machte bei ihr natürlich mächtig Eindruck. Mir hat er dann vorgeschwärmt, was der VfL Bochum für ein wunderbarer Klub ist. Der Präsident Ottokar Wüst sei ein echter Ehrenmann und überhaupt habe man in der Bundesliga ganz viel vor.“

All das, aber vielleicht auch die Blumen geben schließlich den Ausschlag, dass Tenhagen nach Bochum wechselt. Er wird auf Anhieb Stammspieler in der Bundesliga. Verschafft sich Respekt und Anerkennung bei Gegner und auf einmal auch beim DFB. Als ein möglicher Nachfolger für Franz Beckenbauer spielt der in Rees am Niederrhein geborene Tenhagen dreimal in der Deutschen Nationalmannschaft. Aus dem Team des VfL ist er über Jahre nicht wegzudenken.

Erst wirtschaftliche Nöte zwingen den VfL ihn im Sommer 1981 zu Borussia Dortmund zu verkaufen. Drei Jahre später kehrt er zurück nach Bochum. „Bis ´86 habe ich noch gespielt, dann war ich Assistent von Hermann Gerland. Als der Tiger nach Nürnberg ging, war ich für ein Jahr Bundesliga-Trainer. Mit gerade mal 35 Jahren“, erinnert er sich an seine Abschied als Spieler und Beginn seiner Trainer-Tätigkeit. Wichtig ist ihm aber auch immer die berufliche Absicherung, die Alternative, wenn´s im Fußball mal nicht so läuft.

In Emmerich (und bis 2000 auch in Wesel) betreibt Tenhagen ein Sportfachgeschäft. Viele Vereine aus der Umgebung sind seine Kunden, schätzen die Beratung beim Experten. Mittlerweile kümmert er sich wieder intensiver um den eigenen Laden. Nachdem er in den vergangenen Jahren Wattenscheid 09 und LR Ahlen aus dem Amateurbereich in die 2.Bundesliga geführt hat, trainiert er mit dem Oberligisten 1.FC Bocholt wieder einen Klub aus der Umgebung. Tagsüber steht er hinter der Ladentheke.

Tenhagen ist am Niederrhein mit seiner Familie fest verwurzelt, kommt aber trotzdem immer noch gerne nach Bochum: „Viele Jahre habe ich ja hier verbracht. Mir macht´s Spaß ab und zu ein Spiel im Ruhrstadion zu sehen. Wenn Du dann einen Spieler wie z.B. Paul Freier erleben darfst, ist das ein Genuß.“ Und der wirbelt hoffentlich die Schalker heute genauso durcheinander, wie der VfL mit Jupp Tenhagen 1981 den S04.


Dieser Text erschien erstmals im Stadionmagazin "Mein VfL", Ausgabe 17.11.2002