Historie / VfL-Legenden

Thomas Stickroth: Der erste Brasilianer
In dieser Saison wirbeln mit Edu und China gleich zwei Brasilianer für den VfL über die Plätze der 2. Bundesliga - und damit stehen sie in Bochum in bester Tradition: Ex-VfL-Profi Thomas Stickroth kommt zwar gebürtig aus Schwaben, auf dem Rasen aber verwandelte er sich regelmäßig in "Stickinho", Bochums allerersten Brasilianer. Ein Portrait des einzig wahren "Fußballgottes" in der Geschichte des VfL Bochum.

Rouven Schröder, Anton Vriesde - schon einige Profis waren in ihrer Zeit beim VfL Bochum auf dem Sprung zum "Fußballgott". Wirklich durchgesetzt hat sich in all den Jahren nur einer: Thomas "Stickinho" Stickroth, der nicht von ungefähr noch heute von vielen alt gedienten VfL-Fans geradezu "vergöttert" wird. Und das kam so...

Es begann im Sommer 1995. Nach seinem zweiten Bundesliga-Abstieg stand der VfL wieder einmal vor einem Neuanfang. Diesmal jedoch entschied sich Trainer Klaus Toppmöller, der den VfL in der Vorsaison mitten im Abstiegskampf übernommen hatte, für einen besonders radikalen Umbruch. Alt gediente Recken wie Uwe Wegmann, Ralf Zumdick oder Michael Frontzeck verließen das Team oder wurden aussortiert. Statt ihrer kamen gleich neun neue Profis an die Castroper Straße. Die meisten unter ihnen holte der Trainer dabei aus der zweiten Reihe zurück ins Rampenlicht.

Einer dieser Spieler war Thomas Stickroth: Klaus Toppmöller hatte den damals 30-Jährigen schon beim 1. FC Saarbrücken aufmerksam beobachtet und erkannt, dass in ihm Potenzial für weit mehr als die Niederungen der 2. Liga schlummerte. Schließlich konnte Stickroth damals bereits auf fast 100 Bundesliga-Einsätze beim FC Homburg und Bayer Uerdingen zurückblicken; auf Dauer etabliert hatte er sich jedoch bis dato nirgendwo. "Ich hatte durch einen privaten Ausrutscher während meiner Zeit in Uerdingen damals einen ziemlich schlechten Ruf weg", erinnert sich Thomas Stickroth auch heute noch eher ungern an seine Vor-Bochumer-Zeit, "aber diese Dinge wurden schon damals völlig aufgebauscht. Ich war froh, beim VfL die Chance für einen völligen Neuanfang bekommen zu haben."

Den nutzte Thomas Stickroth denn auch - und wie: Mit dem VfL startete er auf Anhieb auf einen Aufstiegsplatz durch, von dem sich die Mannschaft die gesamte Saison nicht mehr vertreiben ließ. Wie in dieser Saison stand der VfL nach zehn Spieltagen mit 22 Punkten ganz oben in der Tabelle. Und am Saisonende stand das Team mit eindrucksvollen 12 Punkten Vorsprung (!) als Meister der 2. Liga fest (Wiederholung in diesem Jahr erwünscht!). Unvergessen machte die damalige Aufstiegssaison jedoch die Art und Weise, wie der "neue" VfL Bochum die Zweite Liga dominierte: "Bis dahin kannten die Fans doch hauptsächlich Kämpfen bis zum Umfallen", erinnert sich Thomas Stickroth an die eigene Vergangenheit, "und unter Klaus Toppmöller führten wir dann plötzlich Raumdeckung und die Viererkette ein."

Der VfL wagte den spielerischen Aufbruch - und niemand verkörperte das in dieser Zeit besser als Thomas Stickroth. Der Defensiv-Allrounder war auf nahezu allen Positionen in der Viererkette, im defensiven Mittelfeld oder - falls er dann doch noch mal gebraucht wurde - auch auf der Liberoposition zuhause. Vor allem aber zelebrierte Stickroth eine Art des Fußballspielens, wie sie das Bochum der Tenhagen- und Lameck-Zeit noch nicht gesehen hatte. Doppelpass-Stafetten bis in den gegnerischen Strafraum hinein und der legendäre Übersteiger machten Stickroth auf der Osttribüne schnell zur Kultfigur. "Die ganze Mannschaft hat damals einfach sensationell funktioniert", weißt Stickroth jedes Eigenlob von sich, "ich habe in meiner Karriere nicht viele Mannschaften erlebt, die sich auch außerhalb des Platzes so gut verstanden haben."

Für die Fans gehörte Thomas Stickroth nichtsdestotrotz schon damals zu den großen Lieblingen. Zum Brasilianer jedoch machten sie ihn erst eine Saison später, wie sich der 40-Jährige heute erinnert: "Das kam erst in der UEFA-Cup-Saison 1996/97 auf. In der Vorbereitung auf die Spielzeit hatte mich Klaus Toppmöller in einem Zeitungsinterview einmal "meinen Brasilianer" genannt - und das haben dann immer mehr Fans aufgegriffen." "Stickinho" war geboren - und tanzte, immer wieder zurückgeworfen durch zahlreiche Verletzungen, noch sechs Jahre, eine UEFA-Cup-Teilnahme und zwei weitere Aufstiege beim VfL: "So schön wie in der ersten Saison war es eigentlich nie mehr", gibt der heutige Co-Trainer des Regionalligisten Wuppertaler SV zu.

Den Zauber des ersten Aufstiegs - die brasilianischen Nachfolger von "Stickinho" können ihn in dieser Saison aufs Neue erleben. Den Segen ihres Vorgängers haben sie dafür jedenfalls allemal: "China und Edu machen mir schon besonderen Spaß, wenn ich ins Ruhrstadion gehe. Einfach unglaublich, was die technisch drauf haben. Endlich hat der VfL mal richtige Brasilianer..."


Dieser Text erschien erstmals im Stadionmagazin "Mein VfL", Ausgabe 28.10.2005