Historie / VfL-Legenden

Dirk Riechmann und Michael Rzehaczek:
Legendärer Last-Minute-Sieg gegen den BVB
(aj) Dies ist die Geschichte eines besonderen Derbys. Am 17. Februar 1988 spielt der VfL bei Borussia Dortmund. Das Duell zwischen schwarz-gelb und blau-weiß an diesem kalten Abend im Westfalenstadion ist kein gutes Spiel. Aber über Nacht macht es zwei VfL-Amateure berühmt. Es ist die Geschichte von „Ritschi“ und „Ratschi“.

Zusammmen mit den beiden, Dirk Riechmann und Michael Rzehaczek, blicken wir in unserer Serie „Historie“ zurück: Die Geschichte beginnt eigentlich schon am 17. Oktober 1987. Für diesen 13. Spieltag der Bundesliga ist das B1-Duell BVB gegen VfL angesetzt. Wegen Unbespielbarkeit des Rasens im Westfalenstadion wird die aber Partie abgesagt und nach langem Hin und Her schließlich für Mittwoch, den 17. Februar 1988, neu angesetzt.

Kurz vor dem Start in die Rückrunde plagen den VfL Bochum allerdings Personalsorgen. Mit Michael Lameck, Rob Reekers und Lothar Woelk fallen wegen Verletzungen oder Sperren drei Leistungsträger aus. VfL-Trainer Hermann Gerland entschließt sich, mit zwei Amateuren den Kader aufzufüllen. Michael Rzehaczek, damals 20, hat bereits in der Hinrunde sein Bundesliga-Debüt gegeben, darf sich nun Hoffnungen auf seinen zweiten Einsatz machen.

„Ritschi“ - Dirk Riechmann

Am Tag vor dem Spiel in Dortmund überlegt Dirk Riechmann, 20jähriger Auszubildender bei der Bundesknappschaft, mit welchen Kollegen er den VfL im Westfalenstadion anfeuern will. „Dann klingelte in unserem Büro das Telefon. Herr Gerland war dran und bat mich, am nächsten Mittag ins Tageshotel zur Profimannschaft zu kommen.“, erinnert sich Dirk Riechmann. Amateur-Coach Wolfgang Sandhowe ist in die Planungen eingeweiht. Zu diesem Zeitpunkt ist Riechmann gut drauf – und Gerland will ihn in Dortmund von Anfang an bringen.

Rasen statt Fankurve. Als am 17. Februar um 20.00 Uhr das Spiel angepfiffen wird, sitzt Michael Rzehaczek mit dicker Thermojacke auf der Ersatzbank. „Für mich war’s doch schon klasse, überhaupt im Kader zu sein.“, hat „Ratschi“ Rzehaczek das Szenario auch gut vierzehn Jahre später noch genau vor Augen. Von dort sieht er, dass „Ritschi“ Riechmann in der ersten Hälfte nervös agiert, einige Fehler macht. Hermann Gerland ist zur Pause in der Kabine ganz ruhig, obwohl die Borussia durch ein Tor von Andreas Möller 1:0 führt. „Wir kriegen noch unsere Chancen!“, prognostiziert der Trainer seinem Team.

In der 68. Minute wird „Ratschi“ eingewechselt, „Ritschi“ kommt auf der rechten Seite immer besser zurecht. Trotzdem läuft dem VfL die Zeit davon. „Nach vorne. Risiko!“, brüllt „Tiger“ Gerland von der Außenlinie. Es beginnt die 89. Minute. Mit geschickter Körpertäuschung setzt sich Michael Rzehaczek gegen zwei BVB-Verteidiger am Strafraum durch. Sein Pass auf Dirk Riechmann nach rechts raus gerät fast zu lang. Doch im Fallen schlenzt „Ritschi“ den Ball ins Netz.

Michael Rzehaczek
in der VfL-Traditionsmannschaft

1:1 – Ausgleich für den VfL. „Wahnsinn!“, weiß Riechmann noch heute: „Dieses irre Gefühl gleich im ersten Spiel das erste Tor zu machen.“ Es kommt allerdings noch besser für den VfL an diesem Abend in Dortmund. Die letzte Minute läuft. Am 16er wird „Ratschi“ wieder angespielt, halblinke Position. „Ich gehe noch zwei, drei Schritte und treffe den Ball dann optimal mit dem Spann. Ich gucke – drin das Ding! 2:1 für uns!“

Durch den Doppelschlag von „Ritschi“ und „Ratschi“ gewinnt der VfL in den letzten zwei Minuten dieses Spiel. Zwei 20jährige Amateure sind das Topthema am nächsten Morgen in allen Sportteilen der Tageszeitungen. Heute sagt Dirk Riechmann: „Ein gigantischer Abend.“ Er durfte danach noch fünfmal in der Bundesliga spielen. Vorwiegend kickte er aber bei den Amateuren.

Mittlerweile ist er bei Borussia Wuppertal in der Oberliga Nordrhein gelandet. Sein Geld verdient er als selbstständiger Wirtschaftsberater. „Manchmal war ich sauer, nicht den ganz großen Sprung geschafft zu haben. Dafür bin ich gesund, fühle mich fit.“ Eine Aussage, die Michael Rzehaczek in Bezug auf seine Gesundheit so nicht treffen kann.

Viele Knieverletzungen beendeten 1992 die Karriere des hochveranlagten Mittelfeldspielers nach 139 Erstligaspielen. „Es ging nicht mehr. Es reicht heute ab und zu für Spiele in der VfL-Traditionsmannschaft. Ansonsten fordert mich mein Job als Betreiber von Spielhallen mit Internetcafés.“ Für das Spiel heute abend wünschen sich „Ritschi“ und „Ratschi“ natürlich wieder einen VfL-Sieg. Auch wenn dieses Derby diesmal keine besondere Geschichte schreibt.


Dieser Text erschien erstmals im Stadionmagazin "Mein VfL", Ausgabe 10.9.2002