Historie / VfL-Legenden

Thomas Reis: Der (Noch-)Rekordaufsteiger

Auf dem Rathausbalkon in Bochum dürfte sich kaum ein Fußballprofi so gut auskennen wie Thomas Reis. Gleich viermal kletterte er in seiner achtjährigen Karriere beim VfL die Stufen zu Bochums „guter Stube“ hinauf, trug sich ins goldene Buch der Stadt ein und feierte mit den wartenden Fans.

Allein dreimal war der Grund für die Jubelfeiern ein Bochumer Aufstieg in die Bundesliga. Damit hält Thomas Reis die interne Rekordmarke beim VfL – nur seine früheren Teamkollegen Dariusz Wosz und Peter Peschel erreichen die gleiche Marke: „Eigentlich ist das dennoch kein Titel, auf den ich besonders stolz sein könnte“, weist Reis die Lorbeeren zurück, „schließlich war ich zuvor ja auch an zwei Abstiegen beteiligt.“

Vielleicht erinnert sich Reis auf Nachfrage deshalb besonders gern an seinen ersten Aufstieg mit dem VfL in der Saison 1995/96. Damals war er – gerade frisch in Bochum – ohne den Ballast des vorherigen Abstiegs in das Abenteuer Zweite Bundesliga gestartet. Noch heute schwärmt der Profi von dieser Zeit: „Wir hatten auf Anhieb eine super Kameradschaft. Jeder hatte spürbaren Spaß, in dieser Truppe Fußball zu spielen.“

Dementsprechend reibungslos verlief dieser zweite Wiederaufstieg der Vereinsgeschichte. Nicht weniger als zwölf Punkte Vorsprung trennten den VfL als Meister in der Endabrechnung auf seinen engsten Verfolger: „Vor allem spielerisch waren wir den anderen einfach überlegen“, glaubt Reis rückblickend. Ein zentraler Schlüssel zum Erfolg sei damals wie heute eine optimale Vorbereitung und ein guter Saisonstart gewesen – und „in dieser Hinsicht sieht es ja auch dieses Jahr wieder gut aus“.

Und dennoch, mahnt Reis seine heutigen Kollegen, solle der VfL seine bisherigen Leistungen keinesfalls überbewerten. „Bis zum Aufstieg ist es noch ein langer und steiniger Weg, da werden auch viele Rückschläge kommen.“ Erst in dieser Phase bewiesen sich die wahren Qualitäten des Vereins – wie Ende 1999 bei Reis’ zweitem Aufstieg mit dem VfL: „Da standen wir nach zwei Siegen zu Beginn zwischenzeitlich sogar auf einem Abstiegsplatz. Aber am Ende ist es doch gut gegangen.“

Reis führt dies auf das intakte Umfeld zurück, das den VfL in all den Jahren ausgemacht habe: „Hier wird auch in schwierigen Zeiten Ruhe bewahrt, nur so lässt sich letztlich erfolgreich arbeiten.“ Dass alles auch ganz anders ausgehen kann, wenn man die Nerven verliert, musste Reis in der vergangenen Saison erleben.

Mit seinem damaligen Klub Eintracht Trier stieg er am letzten Spieltag aus der Zweiten Liga ab, „nur wegen eines fehlenden Tores“, wie sich Reis jetzt noch ärgert. Als Entschuldigung will er das aber nicht gelten lassen: „Wir hatten uns das schon selbst eingebrockt, wir hätten einfach cooler auftreten müssen.“

So wie es hoffentlich der VfL in dieser Saison weiter tun wird: „Es ist wichtig, dass Marcel Koller schon jetzt eine neue Aufbruchstimmung ausgelöst zu haben scheint. Dieser unnötige Abstieg musste einfach raus aus den Köpfen“, sieht Reis die Grundvoraussetzungen gegeben: „Der VfL Bochum soll und muss mit Selbstvertrauen durch die Liga fahren.“

Ähnliche Ziele wie der VfL hat sich auch Thomas Reis in der kommenden Saison gesetzt. Mit seinem neuen Klub, dem Traditionsverein Waldhof Mannheim, geht es für Reis ebenfalls nur um den Aufstieg – wenn auch den aus der Oberliga: „Für mich ist das natürlich ein ungewohntes Terrain, aber ich sehe es als eine neue Herausforderung. Mannheim ist ein schlafender Riese“, erklärt Reis diesen Wechsel.

Viel vertrauter ist ihm aber eigentlich immer noch die Zweite Liga, in der er zwischen 1995 und 2005 insgesamt 87 Spiele für Bochum und Trier bestritt. Und so traut sich Reis über das „Unterhaus“ immer noch ein qualifiziertes Urteil zu: „Über die Jahre ist die Liga viel enger geworden. Ein Durchmarsch wie wir ihn 1995/96 hingelegt haben, wird es heute wohl kaum noch geben.“ Selbst dem 1. FC Köln, für Reis die „Über-Mannschaft“ der letzten Saison, sei der Wiederaufstieg schließlich nicht so ohne weiteres gelungen.

Letztlich glaubt Reis jedoch daran, dass seine Nachfolger beim VfL genug fußballerische Qualitäten für die Erste Liga mitbringen: „Schwächer besetzt als die letzten Male ist das Team bestimmt nicht“, vergleicht Reis und ergänzt: „Für meinen Freund Dariusz Wosz würde es mich am meisten freuen. Auch wenn er mich dann mit vier Aufstiegen in der Vereinswertung überholt hätte.“

Ein „Problem“, das nicht nur Thomas Reis sicherlich gern verschmerzen würde…


Dieser Artikel erschien am 15.08.2005 im Stadionmagazin "Mein VfL" in der Serie "Die Aufstiegshelden des VfL"