Historie / VfL-Legenden

Jupp Nehl: Vom VfL-Recken zum Sport-Topmanager

(aj) Eigentlich kurios, wie Jupp Nehl Fußball-Profi wurde: Hermann Gerland, der quasi über Nacht das Traineramt von Rolf Schafstall übernommen hatte, suchte dringend einen Stürmer. Denn Stefan Kuntz wechselte nach Uerdingen. Gerd Thyssen, Dozent an der Technischen Hochschule in Aachen, erzählte Gerland von den Fähigkeiten eines gewissen Jupp Nehl, der damals Betriebswirtschaft studierte und mit Aachen gerade Hochschulmeister geworden war.

Hermann Gerland setzte sich im Frühjahr ’86 ins Auto, fuhr nach Xanten an den Niederrhein und schaute sich eine Partie des Oberligisten Viktoria Köln an. Der Stürmer Jupp Nehl, damals 24 Jahre alt, hatte ihn sofort überzeugt. „Fünfzehn Minuten haben ihm gereicht, dann ist er wieder gefahren“, erinnert sich Jupp Nehl.

Kurz darauf kam Gerlands Einladung nach Bochum. „Oje, dachte ich. Für mich war diese Stadt tiefstes Ruhrgebiet.“ Er fuhr trotzdem hin und war beeindruckt – zunächst von der Landschaft. „Du fährst auf der A 43 aus Wuppertal und siehst links und rechts nur grün, dann den Kemnader See. Im ersten Moment denkst du, ob du hier eigentlich richtig bist.“ Schnell hat er festgestellt, dass der VfL Bochum für ihn genau die richtige Adresse war.

Die Zeit beim VfL mit Hermann Gerland („Er ist mein Mentor. Er hat mir gezeigt, dass Fußball Arbeit ist.“) hat ihm eine Menge gegeben. „Es war eine wichtige Zeit, die auch meine Einstellung fürs spätere Berufsleben beein- flusst hat.“ Da hat es Jupp Nehl mindestens so weit gebracht wie zu seiner aktiven Zeit als Fußballer.

Heute ist er Vorstandsmitglied der Wige Media AG, einem Medien- Unternehmen, das unter anderem Live-Übertragungen von Sportevents produziert und realisiert. An Wochenenden ist der 42– Jährige, der nach seiner Zeit in Bochum noch für Bayer Leverkusen spielte, nicht mehr so häufig auf Fußballplätzen zu Hause. Zwar sorgt die Wige Media AG Woche für Woche auch für Bilder aus den Bundesliga-Stadien, Jupp Nehl selbst hält sich dagegen mehr auf Formel-1- und DTM-Strecken wie dem Nürburg- oder Hockenheimring oder bei der Vierschanzentournee im Skispringen auf.

Den Bezug zu Fußball hat dadurch keineswegs verloren. Wenn es die Zeit erlaubt, schaltet er am Samstag Nachmittag gerne den Fernseher ein. „Die Konferenzschaltung bei Premiere ist immer wieder ein schönes Erlebnis. Hier kriegt man jedes Tor und jede wichtige Szene mit.“ Dabei sorgt die Wige Media AG für beste Sendequalität. „Wir arbeiten im Hintergrund, man kann uns mit einem Schiedsrichter vergleichen, der gut gepfiffen hat, wenn er unauffällig war. Bei uns ist es so: Wenn keine Störungen aufgetreten sind, haben wir gut produziert.“

Froh wäre er, wenn der VfL Bochum mit einem Heimsieg gegen Mönchengladbach den Klassenerhalt unter Dach und Fach bringt und damit die Grundlage für weiter der Bundesliga erhalten bleibt. Schließlich spürt er durch seinen Job, dass der VfL „viele Sympathien in ganz Deutschland hat. Als Underdog hat sich der VfL ein positives Image aufgebaut.“

Das ist aber nur durch harte, ehrliche Arbeit möglich. So wie 1986, als ihn Hermann Gerland entdeckte. Gemeinsam mit Jupp Nehl kamen Andreas Wessels und Rob Reekers zum VfL, ein Jahr zuvor waren mit Jürgen Wegmann und Uwe Leifeld zwei weitere Leistungsträger verpflichtet worden, die beim VfL den Durchbruch schafften. „Das war eine gute Quote, damit hätte man eine halbe Bundesliga-Mannschaft bestücken können“, sagt Jupp Nehl und ergänzt: „Dazu sind aber ein gutes Auge und enorm viel Fleißarbeit nötig.“

Eigenschaften, die auch auf Branchenkenner Peter Neururer zutreffen. „Er hat Feuer und Ehrgeiz. Das ist sehr wichtig. Denn für einen Klub wie den VfL Bochum muss man über die Lande fahren und viele Spiele sehen.“ So wie es damals Hermann Gerland getan hat.


Dieser Bericht erschien zuerst im Stadionmagazin "Mein VfL", Ausgabe 3.5.2003