Historie / VfL-Legenden

Ein waschechter Bochumer

Die Zahl der Nachwuchskicker, die beim VfL in den letzten Jahren den Sprung ins Profigeschäft geschafft haben, lässt sich nicht mehr an zwei Händen abzählen. Waschechte Bochumer jedoch waren zuletzt nicht mehr darunter - und so ist Kai Michalke, am 5.4.1976 in BO-Werne zur Welt gekommen, bis heute der letzte echte Bochumer beim VfL.

Den 12. April 1988 hat Kai Michalke bis heute nicht vergessen. Der VfL siegte an diesem Dienstagabend im DFB-Pokal-Halbfinale gegen den Hamburger SV - und Klein-Kai fieberte als Fan auf der Osttribüne kräftig mit. Gerade einmal 12 Jahre alt war der Youngster damals, aber seine Liebe zum VfL hatte er bereits entdeckt: "In dieser Zeit bin ich fast jedes Spiel ins Ruhrstadion gegangen. Und am liebsten waren mir Typen wie Ralf Zumdick oder Uwe Leifeld", erinnert sich der Profi heute.

Keine sechs Jahre später stand Kai Michalke auf der anderen Seite des Zauns. Als einer der jüngsten Spieler in der Geschichte des VfL debütierte er im Oktober 1993 im Ruhrstadion gegen Carl-Zeiss Jena. Nicht einmal 18 Jahre alt war er zu diesem Zeitpunkt, aber Kai Michalke hatte da bereits eine kleine Bilderbuchkarriere hinter sich.

Als C-Jugendlicher war er 1989 von seinem Heimatverein SG Werne zum VfL gewechselt. Schnell machte er in den Jugendteams unseres Vereins Karriere und dabei so sehr auf sich aufmerksam, dass Trainer Jürgen Gelsdorf ungewöhnlich früh ein Experiment wagte. Ab Ende 1993 durfte Michalke zunächst zeitweise bei den Profis mittrainieren. "Das war für mich mit 17 Jahren schon eine komische Situation, denn alle anderen waren dort so viel älter und erfahrener als ich."

Uwe Wegmann, Ralf Zumdick oder Funny Heinemann - viele der damaligen Spieler hätten nicht nur rein altersmäßig Michalkes Vater sein können. Sie waren allesamt kurz zuvor auch noch die erklärten Idole des Youngsters gewesen: "Einige kannte ich bis dahin doch nur aus dem Stadion", weiß Kai mit einem Schmunzeln aus seinem ersten Jahr bei den Profis zu berichten.

Und dennoch kannte der damals 17-Jährige auf Anhieb keine falsche Scheu. Gleich in seiner Auftaktsaison trug er mit insgesamt 12 Einsätzen und zwei Toren seinen Teil dazu bei, dass der VfL nach dem ersten Abstieg seiner Vereinsgeschichte auf Anhieb ins Oberhaus zurückkehrte: "Wir hatten damals alle im Umfeld ganz fest an den Wiederaufstieg geglaubt", erklärt Michalke rückblickend das Patentrezept von damals. "Und allein der Glaube kann manchmal Berge versetzen."

Diesen nötigen Glauben hatte Kai Michalke wohl auch ganz persönlich mitgebracht, denn in den folgenden Jahren setzte sich sein Höhenflug kontinuierlich fort. In Klaus Toppmöller, der Jürgen Gelsdorf Ende 1994 auf der Trainerbank des VfL beerbte, fand Kai Michalke seinen zentralen Förderer und Forderer: Unter den zahlreichen Nachwuchsentdeckungen Toppmöllers gehörte Michalke zu den Lieblingsschützlingen des Trainers.

Alle viereinhalb Spielzeiten blieb Michalke unter Toppmöller beim VfL, in allen gehörte Michalke zum Stammpersonal. 119 Pflichtspiele und 20 Tore in dieser Zeit sprechen eine eindeutige Sprache. Und keine Frage, Kai Michalke erlebte hier seine bis heute vielleicht glücklichsten Momente der Karriere: Der Bundesliga-Aufstieg 1995, der UEFA-Pokal-Einzug 1996 und die anschließenden Europapokalspiele ein Jahr später gehören jedenfalls bis heute für Kai Michalke zu den großen Meilensteinen seiner Laufbahn, "die ich nie vergessen werde".

Längst schien das Eigengewächs nach insgesamt zehn Jahren VfL schon zum Inventar zu gehören, da überraschte der damals 27-Jährige im Sommer 1999 nicht nur die Verantwortlichen mit seinem Wechsel zu Hertha BSC: "Nach der langen Zeit in Bochum war damals einfach die Zeit reif für einen Tapetenwechsel", erklärt Michalke seinen damaligen Schritt, "und in Berlin hatte ich die Aussicht auf Champions League statt noch einmal Zweite Liga in Bochum."

So verließ Michalke den VfL in Richtung Hauptstadt, später dann nach Nürnberg und Aachen. In all dieser Zeit jedoch ließ der Familienvater, dessen Eltern und Schwiegereltern bis heute in Bochum wohnen, mehr als nur einen Koffer in der Ruhrstadt: "Ich hatte eigentlich alle paar Wochen versucht, mindestens einmal nach Hause zu kommen", bilanziert Michalke diese Phase seiner Karriere.

Seit Beginn dieser Saison ist Michalke dort schon fast wieder angekommen: Beim MSV Duisburg, gerade einmal ein paar Kilometer westlich von Bochum, unternimmt er einen neuen Anlauf, sich im Bundesligageschäft zu etablieren: "Der MSV bietet mir eine hervorragende sportliche Perspektive, für die ich sehr dankbar bin."

Dankbar ist Michalke, der mit seiner Familie immer noch in Aachen wohnt, wohl auch für die gesunkenen Fahrtwege in Richtung Bochum. Denn bis heute lässt es sich der Angreifer nicht nehmen, vier bis fünfmal pro Saison persönlich im Ruhrstadion vorbeizuschauen: "Schließlich kenne ich noch viele Leute im Verein, vor allem auf der Geschäftsstelle und im Trainerstab."

Im Ruhrstadion fiebert Kai Michalke dann wie der kleine Fan von damals mit der Mannschaft mit - wie ein waschechter Bochumer eben…


Dieses Portrait erschien am 22.01.2006 im Stadionmagazin "Mein VfL