Historie / VfL-Legenden

Bei wichtigen Entscheidungen sucht er Rat von Werner Altegoer
(aj) Ganz wenige Spieler sind nach herausragenden Leistungen beim VfL später noch einmal nach Bochum gewechselt. Jupp Tenhagen und Dariusz Wosz sind zwei Beispiele. Stefan Kuntz ein weiteres. Mit dem Europameister von 1996 blicken wir heute auf seine insgesamt vier Spielzeiten beim VfL zurück. Vier Jahre seiner imposanten Bundesliga-Karriere mit insgesamt 179 Toren in 449 Spielen für Uerdingen, Kaiserslautern und eben den VfL Bochum. Dass Kuntz 1983 überhaupt beim VfL Bochum landet, ist eine komische Geschichte. Wir erzählen sie heute.

Der Zufall spielt dabei eine große Rolle und das geschulte Auge eines Spielerbeobachters. Rolf Schafstall, damals Cheftrainer des VfL, ist immer sehr bemüht, nach kostengünstigen Verstärkungen Ausschau zu halten. Viele Talente hat er so für die Bundesliga entdeckt. Über mehrere Freunde und Bekannte hat er ein Sichtungssystem aufgebaut, dass besonders den Amateurbereich berücksichtigt.

Stefan Kuntz beschreibt die konkrete Situation: „Mit meinem Klub Borussia Neunkirchen stand in der Oberliga das Derby gegen den FK Pirmasens an. Wie ich später erfuhr, hat Schafstall in diesem Spiel den Verteidiger von Pirmasens beobachten lassen. Gegen den habe ich in dieser Partie als direkter Gegenspieler drei Tore gemacht. Und so erfüllte sich nur für mich der Traum von der Bundesliga in Bochum.“ Unterstützt wird der damals 21jährige Kuntz von Vater Günter, in den 60er Jahren selbst Bundesliga- Stürmer bei Borussia Neunkirchen. Neben dem Vertrag als Profi ist für Stefan aber auch noch eine andere Sache sehr wichtig.

In Bochum möchte er seine Ausbildung zum Polizeibeamten fortsetzen. Mit den nötigen Verbindungen ermöglicht ihm dies der VfL neben dem täglichen Training. „Die Kollegen waren klasse im Umgang“, weiß Kuntz zu berichten. „Und die meisten natürlich VfL-Fans.“ Und die dürfen von Beginn an über Kuntz-Tore jubeln. Mit seinem Ehrgeiz schafft es Stefan Kuntz direkt zum ersten Bundesliga-Spiel in die Startformation.

Am 13. August 1983 schlägt der VfL die Kickers aus Offenbach mit 1:0.In der 73.Minute schießt Kuntz das Siegtor. Das erste von insgesamt 41 in drei Jahren. Kuntz nennt Gründe, warum es von Beginn an so gut läuft: „Die erfahrenen Spieler wie Lameck, Woelk oder Oswald haben die jüngeren super aufgenommen. Immer wieder gaben sie Tipps, machten uns den Anfang leicht. Und Rolf Schafstall hat mich in meinen ersten Profijahren richtig eingestellt, mich auf das harte Geschäft entsprechend vorbereitet.“ In der Saison 1985/86 wird er mit 22 Treffern sogar Torschützenkönig.

Es ist seine beste Saison beim VfL und seine vorerst letzte, er wechselt nach Uerdingen. Was beim Abschied bleibt, ist seine besondere Beziehung zu Werner Altegoer. Damals noch ohne offi- zielles Amt im Verein wird der Unternehmer zur Vertrauensperson für Kuntz. „Ihn habe ich immer um Rat bei wichtigen Entscheidungen gefragt. Herr Altegoer hat mir immer ehrlich und offen seine Meinung gesagt. Mit seinen Tipps bin ich ausnahmslos gut gefahren. Er ist eine herausragende Persönlichkeit.“

Die schließlich auch dafür sorgt, dass Stefan Kuntz 1998/99 noch mal zum VfL wechselt. Nach glanzvollen Jahren in Kaiserslautern mit Meisterschaft und DFB-Pokal, sowie mit der Nationalelf bei der EURO 1996 erlebt Kuntz 97/98 in Bielefeld ein Seuchenjahr. Systematisch wird der Leistungsträger Kuntz von den Offi- ziellen demontiert. „Da tat es gut, dass mich Herr Altegoer wieder zum VfL holen wollte.

In Bochum hatten meine Frau und ich noch viele Freunde. Ich wollte endlich wieder mit Spaß Fußball spielen. Das ließ sich leider nicht so leicht umsetzen.“ Mehrere Monate fehlt der heute 40jährige wegen einer Virusinfektion, macht insgesamt nur 20 Spiele. Stefan Kuntz beendet daraufhin seine phantastische Fußballer-Karriere auf dem Platz.

Der Trainerjob reizt ihn. Und schnell hat er bei seiner ersten Station Karlsruher SC Erfolg. Auf Anhieb führt er den KSC zurück in die 2. Bundesliga. Bis September 2002 trainiert er die Badener, dann trennen sich die Wege. Aber der geprüfte Fußball-Lehrer wird ganz sicher wiederkommen. Nur Zeitpunkt und Angebot müssen passen. Und auch dann wird Stefan Kuntz wieder den direkten Kontakt zu Werner Altegoer suchen.


Dieser Text erschien erstmals im Stadionmagazin "Mein VfL", Saison 2002/03