Historie / VfL-Legenden

Jupp Kaczor: Erinnerungen an das verrückte 5:6 gegen Bayern
(aj) In all seinen Jahren in der Fußball-Bundesliga hat der VfL Bochum stets über sehr gute Stürmer verfügt. Hans Walitza, Jochen Abel, Stefan Kuntz, Uwe Leifeld und nicht zuletzt in dieser Saison Thomas Christiansen werden als echte Torjäger genannt. Aber als Angreifer aber mit dem größten „Torinstinkt“ bezeichnen viele VfL-Fans Jupp Kaczor. Seine Bilanz spricht dabei für sich selbst: 51 Treffer erzielte Kaczor in 142 Bundesliga-Partien.

Eines von diesen war das unglaublichste Spiel, das der VfL Bochum je bestritten hat. Es war die 5:6-Niederlage gegen unseren heutigen Gegner, den FC Bayern München. Als am 18.September 1976 der FC Bayern nach Bochum kommt, diskutieren die Fans im Vorfeld nur über die Höhe der Niederlage. Maier, Beckenbauer, Hoeneß, Rummenigge und nicht zuletzt Gerd Müller – die Münchener haben das beste Personal an diesem Samstag mit an die Castroper Straße gebracht. „Und doch“, erinnert sich der heute 49jährige Jupp Kaczor, „glaubten wir an unsere Chance. Zu Hause waren wir in der Lage, guten Fußball zu spielen. Dass das in der ersten Hälfte so überragend klappt, hätte niemand erwartet.“

Als die Seiten nämlich gewechselt werden, steht es 3:0 für den VfL. Der FC Bayern wird richtig an die Wand gespielt. Zweimal Harry Ellbracht und Kaczor selbst schießen die Tore bis zur Halbzeit. Der 1974 von Eintracht Hamm gekommene Kaczor erinnert sich an die Pause: „Keiner drehte durch und war euphorisch. Jeder wollte aber das Spiel unbedingt gewinnen. Sehr konzentriert stimmten für uns für den zweiten Durchgang ein.“

Und der beginnt für den VfL Bochum wieder nach Maß: Holger Trimhold macht das 4:0. Doch dann bricht es über die Blau-Weißen herein. Zwischen der 54. und 76. Minute erzielen die Bayern fünf Tore und führen auf einmal 5:4. „Was da abgelaufen ist, gibt´s sonst nur im schlechten Film. Wir machten alles falsch, nichts gelang mehr“, schüttelt Kaczor auch über 27 Jahre danach noch den Kopf. Zwar schafft Trimhold noch mal den Ausgleich, aber eine Minute vor dem Abpfiff gelingt Uli Hoeneß das Siegtor zum 5:6. Kaczor und seine Teamkollegen sind geschlagen: „Es ist trotzdem eine der schönsten Erinnerungen an meine Profizeit. Wer kann von sich schon behaupten, in solch einem Spiel dabei gewesen zu sein.“

Ohne Zweifel geht die Partie in die Geschichte ein. Nie mehr in jetzt schon fast 40 Jahren Bundesliga hat ein Verein einen Vier-Tore- Vorsprung noch aus der Hand gegeben. Wenn Jupp Kaczor vom „schönsten Moment“ spricht, kommt er unweigerlich auch auf den „bittersten Moment“ zu sprechen. Zum Saisonauftakt der Spielzeit 1977/78 verletzt er sich schwer.

Nach einem Zusammenprall mit Mönchengladbachs Torhüter Wolfgang Kneib bricht sich Kaczor das Schienbein. Für ihn beginnt eine echte Leidenszeit: „Ein halbes Jahr wurde mit der Operation gewartet. Bis ich wieder spielen konnte, vergingen eineinhalb Jahre.“ Und zu alter Glanzform findet er auch nicht mehr zurück. 1980 wechselt der nun in Welver lebende Kaczor zu Feyenoord Rotterdam, später noch zu Eintracht Frankfurt.

Aber so richtig auf die Beine kommt er nicht mehr. Tore vom Jupp werden rar. Schnell sattelt er um, geht zurück in die Oberliga nach Hamm und beginnt eine Banklehre. „Als ich mit 31 Jahren in meine Berufsschulklasse kam, haben viele gedacht, ich wäre der Lehrer“, flachst er heute. Jupp Kaczor arbeitet mittlerweile bei der Volksbank in Unna. Fußball schaut er am liebsten zu Hause auf der Couch, nicht mehr im Stadion.

Zuletzt saß er zwar bei Dortmund gegen Real auf der Tribüne, aber zu den Bundesliga-Stars von heute hat er keinen Bezug: „Nicht alle, aber viele haben ein Benehmen, ein Getue, das mir nicht passt. Die nehmen sich viel zu wichtig. Vergessen dann auch ganz schnell für Kinder Autogramme zu schreiben. Da geht mir der Hut hoch.“ Trotzdem interessieren ihn natürlich die Ergebnisse am Samstag. „Ist doch klar, dass ich nach wie vor dem VfL die Daumen drücke. Und wenn die hoffentlich heute die Bayern putzen, ist das auch so eine kleine Revanche für das 5:6“, sagt Jupp Kaczor mit einem kleinen Augenzwinkern.

Dieser Bericht erschien zuerst im Stadionmagazin "Mein VfL"