Historie / VfL-Legenden

Zick, Zack, Mathias Jack
Zwei Jahre in Bochum reichten aus, um ihn zum Kultspieler werden zu lassen: Verteidiger Mathias Jack haben die VfL-Fans auch acht Jahre nach seinem Weggang nicht vergessen. Wir erzählen die außergewöhnliche Karriere des Fußball-Wandervogels.

Seine Stimme ist immer noch etwas lädiert - aber Mathias Jack hatte in den letzten Tagen ja auch wahrlich Grund zu feiern. Ein echtes Wunder habe er miterlebt, berichtet Jack heiser am Telefon, "das Wunder von Grindavik". Grinda-wo?

Die Geschichte des kleinen isländischen Fischerdorfes und seiner deutschen Fußballkolonie muss man schon einen typischen Jack nennen. Aber der Reihe nach.

Die Geschichte von Mathias Jack und dem VfL Bochum begann vor fast genau zehn Jahren. Im Sommer 1995 verpflichtete der VfL, auch damals frisch aus der ersten Liga abgestiegen, den Verteidiger-Haudegen von RW Essen. Jack ging in Fußballerkreisen ein einschlägiger Ruf voraus. Fünf Platzverweise in den letzten drei Jahren sprachen Bände über die wahren Qualitäten des Abwehrreckens. Unerbittliche Zweikämpfe und robuste Grätschen passten eigentlich so gar nicht in die von Klaus Toppmöller propagierte "Bochumer Spielkultur".

Und dennoch eroberte der Defensivmann im Sturm die Herzen der VfL-Fans. Seinen Kampf, seinen Einsatz honorierte Block A schon beim zweiten Heimspiel mit den bis heute legendären "Zick, Zack, Mathias Jack"-Rufen. Der Gefeierte bedankte sich auf seine Weise: Seine Freunde vom Fanclub Commando lud er nach Siegen gern zum gemeinsamen Fiege-Pils ins Bermuda3Eck ein, mit einigen hielt er sogar nach seinem Weggang aus Bochum den Kontakt.

Den vollzog Jack einen Aufstieg und Einzug in den UEFA-Pokal später im Sommer 1997. In der Zweiten Liga Stammspieler, war der Sachse in der Bundesliga meist nur noch als Einwechselspieler zum Einsatz gekommen. Das war Jack nicht genug und so entschied er sich für ein höher dotiertes Angebot von Fortuna Düsseldorf: "Ein großer Fehler von mir", gibt er heute unumwunden zu, "mit Bochum verpasste ich die Spiele im UEFA-Cup, während Fortuna zu meiner Zeit im Chaos versank."

Jack verließ den VfL nach nur zwei Jahren, aber im Gedächtnis der Fans blieb er unvergessen. Schließlich gab es in regelmäßigen Abständen ja auch wieder neue Geschichten vom Wandervogel, den es auch bei Fortuna Düsseldorf nicht lange hielt. 1999 zog es Jack in die schottische Liga zu Hibernian Edinburgh, wo er sich ebenfalls innerhalb kurzer Zeit zum Kultspieler katapultierte.

In der Saison 2000/01 errang er die Auszeichnung als "Schottlands Spieler des Jahres" - eine Trophäe, die zuvor unter anderem Paul Casgoine oder Brian Laudrup erhalten hatten. Jack befand sich am Höhepunkt seiner Karriere, bis 2004 auch das Abenteuer Schottland endgültig endete. Edinburgh wie Zweitligist Raith Rovers, bei dem "Mr. Dschäk" zwischenzeitlich anheuerte, hatten ihn nicht mehr bezahlen können, weshalb er sich mit 35 Jahren für eine Rückkehr zu seinem Stammverein Sachsen Leipzig entschloss.

Die allermeisten Profis hätten nun leise ihre Karriere in der Heimat ausklingen lassen; nicht so Mathias Jack. Ihn erreichte im Frühjahr diesen Jahres der Anruf eines alten Mitspielers aus Edinburgher Zeiten, der inzwischen in seine isländische Heimat zurückgekehrt war: "Er meinte, ich müsse unbedingt noch einmal nach Grindavik zurückkommen, wo ich schon 2003 für einige Spiele ausgeholfen hatte. Und am besten solle ich gleich noch ein paar Spieler aus Deutschland mitbringen."

Mathias Jack ließ sich nicht lange bitten. Er überzeugte Robert Niestroj und Michael Zeyer, beide frühere Mitspieler in Düsseldorf, mit ihm auf die alten Profitage noch einmal die Koffer zu packen: "Finanziell reichte das Angebot gerade, um die hohen Lebenskosten in Island zu decken. Aber um Geld geht es uns sowieso nicht. Hauptsache, wir können was erleben und weiter Spaß am Fußball haben."

Für einen Sommer verstärkte also das deutsche Trio Ungmennaflag Grindavik; einen Klub, der bislang nur in der Hitliste der unaussprechlichsten Vereinsnamen aufgefallen sein dürfte. Denn sportlich gilt Grindavik selbst in Island als eher kleine Nummer: "Die meisten Jahre ging es hier nur gegen den Abstieg", erklärt Jack, "das war leider auch diesmal nicht anders."

Bis zum allerletzten Spieltag - in Island kann aufgrund der eisigen Temperaturen nur von Mai bis September Fußball gespielt werden - musste der Klub um den Klassenerhalt zittern: "Aber dann haben wir ausgerechnet dem Favoriten und Lokalrivalen Keflavik ein Bein gestellt", freut sich Jack noch jetzt.

Zum Dank spendierte der Klubmäzen, Besitzer einer Fischfabrik und "ein stinkreicher Typ" (O-Ton Jack), drei Tage Dauerparty und eine Mannschaftsreise nach England. Spätestens da stand für Mathias Jack fest, wo er auch im kommenden Sommer wieder über die Fußballplätze grätschen will: "Ganz klar: Wenn alles passt, geht's nächstes Jahr noch mal nach Grindavik."


Dieser Artikel erschien am 03.10.2005 im Stadionmagazin "Mein VfL" in der Serie "Die Aufstiegshelden des VfL"