Historie / VfL-Legenden

Thordur Gudjonsson: Die Rückkehr des Wikingers
Zwölf Jahre lang reiste Thordur Gudjonsson kreuz und quer durch den europäischen Fußball. Jetzt ist Bochums liebster Wikinger wieder zurück in seiner isländischen Heimat: Bei IA Akranes, seinem ersten und voraussichtlich letzten Fußballverein.

Der junge Thordur war für seine große Tapferkeit berühmt. Im sagenverrückten Island wird die Geschichte des Thordur Kakali, der im 13. Jahrhundert ins Exil ging, um Jahre später zurückzukehren und seiner Familie die verloren gegangene Herrschaft zu sichern, bis heute von Generation zu Generation weitererzählt.

Ob sie auch Vater Gudjon Thordarson vorschwebte, als er vor 32 Jahren seinen Erstgeborenen auf den Namen Thordur taufen ließ, muss an dieser Stelle dahingestellt bleiben. Jedenfalls lassen sich gewisse Parallelen im Leben des historischen und des heutigen Thordur nicht leugnen.

Wie sein geschichtlicher Vorgänger zog es auch Thordur Gudjonsson als Jugendlicher früh von der Insel seiner Väter, um sich auf dem europäischen Kontinent auf eigene Faust zu beweisen. Doch im Gegensatz zu seinem Namensvetter hatte sich Fußball-Thordur bereits zuhause einen Namen gemacht, als er sich Ende 1993 mit zwei Meistertiteln im Gepäck von IA Akranes zum VfL nach Bochum verabschiedete.

Und dennoch überraschte es nicht wenige Fachleute, wie schnell sich Thoddi damals im für isländische Verhältnisse ach so rauen Ruhrgebiet akklimatisierte. Von Beginn an entwickelte sich Gudjonsson unter Jürgen Gelsdorf, später auch unter Klaus Toppmöller, zu einer wichtigen, wenn auch nicht unbedingt der auffälligsten, Stütze der Bochumer Mannschaft.

Das lag zum einen fußballerisch an der großen Flexibilität des Isländers: egal ob im rechten, linken, defensiven Mittelfeld oder in der Sturmspitze - Thordur half beim VfL immer dort aus, wo es gerade am Nötigsten war. Einziges Problem dabei: Einen festen Stammplatz konnte sich der Allrounder auf diese Weise nie sichern.

Unvergessen machte Thoddi in der Rückschau deshalb vor allem sein Auftreten außerhalb des Fußballplatzes: unkompliziert, offen und einfach sympathisch fügte sich der Isländer ins Teamgefüge ein, als ob er schon immer dazugehört hätte. Klagen hörte den Musterprofi in all den Jahren niemand. Mehr als einmal betonte er, wie sehr er in Bochum eine zweite Heimat gefunden hatte.

Umso verwunderter schienen Fans und Verein, als "ihr" Wikinger im Sommer 1997 dennoch seinen Abschied aus der Bundesliga verkündete. Gudjonsson hatte (erst einmal) genug von Bochum, es warteten neue Karriereherausforderungen in der weiten Fußballwelt: Belgien, Spanien und England hießen in den kommenden Jahren die weiteren Stationen, die ihn zu einem international renommierten Fußballprofi wachsen ließen. In der Nationalmannschaft seines Landes stieg Gudjonsson zum Kapitän und unumschränkten Führungsspieler auf.

Seine eigentliche Sehnsucht aber blieb über all die Jahre Island. Hierher wollte Thordur am Ende seiner Karriere zurückkehren und so scheint es aus heutiger Sicht fast wie von langer Hand geplant, wie sich Gudjonsson langsam auf den Weg zurück in seine Heimat machte.

Schritt für Schritt bewegte sich Thordur Gudjonsson in den letzten Jahren zurück zu seinen Ursprüngen. Aus Spanien führte es ihn noch einmal zum VfL, wo er Mitte der 90er Jahre sportlich wie menschlich so sehr hatte reifen dürfen. Zweieinhalb Spielzeiten kickte der Wikinger noch einmal in unserem Verein, steuerte seinen Teil zur Bochumer Jahrhundertsaison 2003/04 bei: wie immer flexibel, wie immer bescheiden und wie immer ohne jede Spur persönlicher Eitelkeiten.

Erst nachdem Thoddi im letzten Frühjahr erkennen musste, dass er in der Bundesliga selbst für Kurzeinsätze kaum noch berücksichtigt wurde, legte er das Kapitel VfL Bochum etwas früher als ursprünglich geplant zu den Akten. Für kurze Zeit ging er noch einmal nach England, wo beim Zweitligisten Stoke City bereits eine echte isländische Kolonie auf ihn wartete: Klubpräsident, Vorstand und mehrere Mitspieler ließen ihn schon fast wie zuhause fühlen.

Auf die Dauer war Thoddi aber auch das nicht genug. Nach knapp einem Jahr, in dem er lediglich zu wenigen Einsätzen kam, wechselte der Wikinger vor einigen Wochen endgültig zurück in seine Heimat. Bei IA Akranes, also dem Verein, den er fast auf den Tag zwölf Jahre zuvor in Richtung Bochum verlassen hatte, unterschrieb er Anfang November einen Dreijahresvertrag.

Richtig losgehen wird es für Thoddi in seiner alten, neuen Heimat dennoch erst im kommenden Frühjahr, in Island wird die Saison nach dem Kalenderjahr ausgespielt. Bis dahin könnte die Familienrückführung der Gudjonssons noch weitergehende Formen angenommen haben. Denn auch Bruder Bjarni, 2003 für einige Monate ebenfalls beim VfL, fühlt sich in England bei Plymouth Argyle zunehmend unwohl und liebäugelt mit einem Wechsel zurück in die Heimat.

Thoddi würde es besonders freuen. Schließlich will er in den kommenden Jahren ganz in Ruhe in Akranes seine Karriere ausklingen lassen und sich eine neue Existenz abseits des Fußballs aufbauen.

Damit ist Thordur dann doch noch ganz anders als sein historisches Pendant Thordur Kakali. Der eroberte sich gleich nach seiner Rückkehr 1246 mithilfe einer der blutigsten Schlachten der lange isländischen Geschichte gewaltsam seinen Thron zurück. Geschichte muss sich halt doch nicht immer wiederholen.


Dieser Text erschien am 17. Dezember 2005 im Stadionmagazin "Mein VfL"