Historie / VfL-Legenden

Hermann Gerland: 100% Bochum
Wenn in Bochum vom "Tiger" die Rede ist, weiß auch heute noch jeder Fan sofort Bescheid: Aber Hermann Gerland erarbeite sich nicht nur in über 200 Bundesliga-Einsätzen seinen legendären Ruf als VfL-Verteidiger, er saß auch zwei Spielzeiten erfolgreich auf der Trainerbank unseres Vereins.

Eigentlich mag Hermann Gerland diese nervigen Gespräche mit Journalisten ja gar nicht. Unter anderem deshalb ist er doch Trainer in der Regionalliga geworden, bei den Amateuren des FC Bayern: "Da kann ich mich noch wirklich voll auf meinen Job als Fußball-Lehrer konzentrieren und muss mich nicht dauernd mit solchen Nebenschauplätzen rumschlagen", stellt er gleich mal klar.

Wenn aber der VfL Bochum bei Gerland anruft, ist doch irgendwie alles anders. Dann wird auch gern der Reporter des Sterns vertröstet, "der von mir irgendwas über Talente wissen will". Egal, soll er halt in einer Viertelstunde noch mal anrufen. Bochum ist jetzt wichtiger. Obwohl Hermann Gerland nun schon seit über 15 Jahren nicht mehr in unserer Stadt lebt, ist Bochum immer noch fester Teil seines Lebens. In die Stadt hält er festen Kontakt, "auch wenn ich mich mit meiner Familie mittlerweile gut in München eingelebt habe".

Bochum, das ist für ihn mehr: "Das ist meine Heimat. Und ich werde doch nie vergessen, wo ich groß geworden bin. Der VfL hat mir die schönsten Zeiten meiner Laufbahn beschert". Das gern verwendete Etikett "Bochumer Junge", auf kaum jemanden passt es so gut wie Hermann Gerland.

In Weitmar aufgewachsen, kam er schon mit fünfzehn Jahren zum VfL - und blieb hier dann auch gleich seine ganze Karriere über, fünfzehn volle Jahre lang spielte er ausschließlich für unser Team: "Natürlich hatte ich auch Angebote von anderen Teams, aber aus Bochum wäre ich einfach nicht weggegangen. Hier hatte ich meine Freunde und Familie, ich habe mich hundertprozentig mit dem Verein identifiziert."

Und so war es für Hermann Gerland auch nur konsequent, dass er auch seine Trainerkarriere beim VfL startete. Nachdem ihn immer wieder schwere Verletzungen zurückwarfen, hatte Gerland früh den Trainerschein gemacht und war bereits 1985 zum Assistenten von Rolf Schafstall aufgestiegen. "Eigentlich war dann angedacht, dass ich noch einmal ein bis zwei Jahre woanders Erfahrungen als Cheftrainer sammeln sollte", erinnert sich Gerland - aber das Schicksal wollte es anders. Denn nachdem sich Rolf Schafstall für einen vorzeitigen Wechsel zu Schalke entschieden hatte, war die Cheftrainerstelle beim VfL plötzlich vakant.

Hermann Gerland überlegte nicht lange und wagte das Abenteuer. Mit 32 Jahren wurde er im Sommer 1986 Bochums jüngster Trainer der Vereinsgeschichte - eine für ihn nicht immer leichte Herausforderung. Das lag jedoch weniger an seinem Alter als an seiner besonderen Beziehung zum VfL: "Die Zeit war psychisch unheimlich anstrengend für mich. Ich habe mich immer wieder selbst total unter Druck gesetzt, schließlich ging es ja um das Schicksal meines Vereins. Das war doch eine ganz andere Identifikation als bei späteren Engagements", weiß Gerland aus heutiger Sicht.

Und dennoch - oder gerade deshalb - hatte der Trainer Gerland in Bochum sportlichen Erfolg. In seiner ersten Saison 1986/87 landete das Team auf einem souveränen elften Tabellenplatz und auch in der folgenden Spielzeit vermied Gerland sein "absolutes Horrorszenario", für den ersten Abstieg der Vereinsgeschichte verantwortlich zu sein.

Stattdessen kam es fast umgekehrt: Mit dem Einzug ins DFB-Pokal-Finale 1988 führte er unser Team kurz vor den größten Erfolg der Vereinsgeschichte: "Das wir damals so unglücklich um den Sieg gebracht worden sind, darüber bin ich bis heute noch nicht wirklich weg", stellt Gerland klar, "den Namen des Linienrichters, der uns damals ein klares Tor verweigert hat, werd ich mein ganzes Leben nicht vergessen."

Die Niederlage im Finale in Berlin tat Hermann Gerland doppelt weh, denn sie bedeutete gleichzeitig sein letztes Spiel auf der Trainerbank des VfL. Nachdem sich seine Vertragsverlängerung in Bochum immer weiter hinausgezögert hatte, sah sich Gerland zu einem Vereinswechsel genötigt: "Ich wäre viel lieber in Bochum geblieben. Aber öffentlich um einen Vertrag zu betteln, dafür war und bin ich zu stolz."

Und so verließ Gerland seine Heimat gen Nürnberg, wo sein alter Bochumer Trainer Heinz Höher, der UEFA-Pokal und viele neue Herausforderungen warteten. Der VfL Bochum war also nur der Anfang einer großen Trainerkarriere, die ihn nach Nürnberg weiter über TB Berlin, Bielefeld und Ulm schließlich zu den Münchner Bayern führte.

Hier hat Gerland heute sein sportliches Glück gefunden. Die Arbeit mit jungen Talenten ist schließlich seit jeher die besondere Passion des Trainers. Innerlich aber hängt Hermann Gerland auch heute noch sehr an seiner Zeit beim VfL: "Wenn ich mich heute mit den Kollegen von damals treffe, sind wir immer noch wie eine große Familie. Wir waren und sind alle "Bochumer Jungen". Und die haben sich bekanntlich immer viel zu erzählen."

So ist es halt, wenn der VfL bei Hermann Gerland anruft. Bochumer haben sich viel zu erzählen. Da hat der Stern halt Pech gehabt. Und muss noch einmal fünfzehn Minuten länger warten...


Dieser Text erschien in der Saison 2004/05 im Stadionmagazin "Mein VfL" im Rahmen der Reihe "Die Bundesliga-Trainer des VfL"