Historie / VfL-Legenden

Harry Fechner: Fast wie früher
Nur 97 Spiele durfte er für den VfL bestreiten - dann ereilte Harry Fechner eine Verletzung, die seine Profikarriere mit 26 Jahren vorzeitig beendete. Aus der großen VfL-Familie ist der frühere Verteidiger dennoch bis heute nicht wegzudenken.

Über den Anruf vom VfL freut sich Harry Fechner ja schon. Aber ausgerechnet in der Reihe "Aufstiegshelden" vorgestellt zu werden, geht ihm eigentlich doch einen Schritt zu weit: "Da müssen sie mit anderen reden", blockt Fechner erst ab, "denn vorm Aufstieg 1971 hab ich doch kaum mitgespielt."

Tun wir aber nicht, denn auch Harry Fechner hat uns eine Geschichte zu erzählen - und die hat gar nicht so wenig zu tun mit dem ersten Bundesligaaufstieg unseres Teams vor 35 Jahren. Vor allem aber ist sie eine Geschichte über echte, lebenslange Verbundenheit zu einer Stadt und einem Verein, wie man sie heute im Profifußball wohl so nicht mehr wieder findet.

Seit seinem 9. Lebensjahr ist Harry Fechner Kicker beim VfL: "Früher ging es leider nicht", sagt der heute 55-Jährige fast entschuldigend, "damals gab es noch keine F-Jugend-Abteilung wie heute." Nach diesem Frühst-Start durchlief der junge Harry alle nur erdenklichen Mannschaften, die der VfL im Spielbetrieb hatte: A2, A1 und ein Jahr bei den Amateuren waren nur die letzten Stationen, bis er schließlich 1970 ganz oben angekommen war.

"Plötzlich durfte ich mit Eia Krämer und Hans Walitza in dieselbe Kabine gehen", blickt Fechner lachend zurück, "da habe ich mir vor Angst ja fast in die Hose gemacht. Das waren doch echte Idole für mich." Dreizehn Einsätze steuerte der damals 19-Jährige zur Regionalligameisterschaft bei, bevor es im Sommer 71 in die Aufstiegsrunde ging: "Da durfte ich ausgerechnet zum entscheidenden Spiel nach Berlin mitfahren", weiß Fechner, "an die Stimmung dort ist glaube ich nie wieder eine Aufstiegsfeier beim VfL herangekommen."

Richtig in Fahrt kommen sollte Fechners Karriere aber erst ein paar Monate später. Nach schlechtem Saisonstart entschied sich Trainer Hermann Eppenhoff im Herbst 71 dazu, mit ihm ausgerechnet einen seiner jüngsten Spieler ins kalte Bundesligawasser zu werfen. Fechner nutzte diese Chance und strampelte sich im Profifußball auf Anhieb frei: Neben soliden Abwehrleistungen erzielte er als Verteidiger sogar drei Tore in seinen ersten Spielen - der Stammplatz war dem Youngster fortan nicht mehr zu nehmen.

Mehr noch, mit seinen konstanten Leistungen weckte er nun auch Interesse anderer Vereine: "Zeitweise hatte ich Angebote zehn anderer Bundesligisten", bemerkt Fechner stolz. Am konkretesten wurden die Gespräche mit Fortuna Düsseldorf, die ihre Offerte sogar mit einer fixen Transfersumme untermauerten: 450.000 Mark wollten sie sich den Neuzugang kosten lassen, "damit wäre ich damals der zweitteuerste Spieler der Liga gewesen", hat Fechner ausgerechnet.

Keine Frage, mit solch einem Transfer hätte sich der Verteidiger auch finanziell in die erste Liga schießen können. Aber noch heute beteuert er: "Freiwillig wäre ich nie vom VfL weggegangen." Die einmalige Kameradschaft im Team und das hervorragende Umfeld hätten ihm einen Wechsel verboten, "und das sage ich nicht nur aus heutiger Sicht."

Vor allem aber bot ihm auch der VfL in dieser Zeit eine verlockende sportliche Perspektive. Schon vor der Weltmeisterschaft 1974 war Fechner zu einem Sichtungslehrgang des DFB eingeladen worden, für die Zeit nach dem Turnier hatte ihm Bundestrainer Schön eine Rolle beim Neuaufbau der Nationalmannschaft vorhergesagt: "Einmal gemeinsam mit einem Gerd Müller spielen zu dürfen, war schon damals mein größter Traum."

Doch soweit sollte es nicht kommen: Wenige Wochen vor Beginn der WM verletzte sich Fechner am Rücken, Bandscheiben-Vorfälle setzten ihn für Monate außer Gefecht. Und als diese halbwegs überwunden schienen, tauchten plötzlich Symptome einer Rheuma-Erkrankung auf. Eine schier endlose Leidenszeit begann: "Ich probierte es mit eisernem Willen, ließ mich nach Saarbrücken und Gütersloh ausleihen, aber es ging einfach nicht mehr", konstatiert Fechner rückblickend das bitterste Kapitel seiner Karriere.

Im Sommer 1976 war Schluss, mit nur 26 Jahren musste Harry Fechner seine Fußballschuhe wieder an den Nagel hängen - noch bevor seine Karriere so richtig begonnen hatte: "Danach bin ich erst einmal ein ziemliches Loch gefallen", erinnert sich der gelernte Bankkaufmann, der nun in seinen alten Beruf zurückkehrte, "ein dreiviertel Jahr konnte ich sogar nicht mehr ins Stadion gehen. Es tat einfach zu weh."

Das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören, Harry Fechner wurde es erst ganz langsam wieder los. Und dabei halfen ihm vor allem seine Freunde beim VfL: "Keiner meiner Teamkollegen hat mich nach meiner Karriere im Stich gelassen", betont Fechner, "das hat mir unheimlich viel Kraft gegeben, wieder Fuß zu fassen."

Und so ist die Einheit von einst für Harry Fechner auch heute noch eine Konstante in seinem Leben. In der Traditionsmannschaft kickt er regelmäßig mit seinen früheren Kollegen: "Wenn wir alten Recken dann zusammen auf dem Platz stehen", freut sich der zweifache Vater, dessen Söhne Robin (E2) und Gino (F1) natürlich auch bereits beim VfL spielen, "ist vom Gefühl her fast alles wie früher".

Was unter alten Freunden so alles möglich ist, durfte Harry Fechner erst kürzlich aufs Neue erleben. Beim Treffen ehemaliger VfLer auf dem Bochumer Weihnachtsmarkt sprach er mit Hermann Gerland eher beiläufig über Gerd Müller. "Eigentlich wollte ich ihn ja nur um ein Autogramm bitten", erzählt Fechner feixend, "aber der Hermann organisierte mir gleich ein Treffen mit dem Bomber."

Über zwei Stunden saßen Müller und Fechner - Gegenspieler von einst - im Trainingslager der Bayern-Amateure beieinander und klönten über alte Zeiten: "Für mich war diese Begegnung ein absoluter Höhepunkt", schwärmt Fechner noch heute. "Gerd Müller ist genauso so ein fabelhafter Mensch, wie ich mir vorgestellt habe. Ich hätte nicht gedacht, dass sich mein alter Traum doch noch einmal erfüllen würde."