Historie / VfL-Legenden

Thomas Ernst: Die Nummer 1 der Fans
Fast sechs Spielzeiten stand Thomas Ernst im Kader des VfL Bochum - effektiv gespielt hat er davon gerade einmal zwei Jahre. Seiner Beliebtheit in Bochum hat das nie einen Abbruch getan: Bis heute hat der aktuelle Torwart des 1. FC Kaiserslautern beim VfL einen guten Namen. Und nicht von ungefähr wählten die VfL-Fans ihren "Gustl" vor einigen Jahren zum besten Keeper der Vereinsgeschichte.

Auf kaum einer Position hat der VfL so viele prominente Gesichter hervorgebracht zwischen den Pfosten: Horst Christopeit, Werner Scholz oder Ralf Zumdick begründeten schon vor Jahrzehnten den ausgezeichneten Ruf der Bochumer Torsteher, den Rein van Duijnhoven heute ungebrochen weiterführt.

Ein Name, der in dieser Aufzählung keinesfalls vergessen werden darf, ist der von Thomas Ernst. Denn war es die ewige Nummer 21 (diese Rückennummer trug Ernst seine gesamte Zeit beim VfL über), die unsere Fans 1999 bei einer Abstimmung auf der Vereinshomepage als Allzeit-Nummer 1 in die "Bochumer Jahrhundertelf" wählten.

Ausgerechnet Thomas Ernst, der auf den ersten Blick so gar nicht in das Raster des gefeierten Top-Torhüters passen will. Schließlich ist Ernst in seinen fünfeinhalb Jahren beim VfL lange nicht über die Rolle der Nummer zwei hinausgekommen: So war es zunächst Uwe Gospodarek, an dem es für ihn in seinen ersten beiden Spielzeiten 1995/96 und 96/97 (noch) kein Vorbeikommen gab. Für Ernst war das damals jedoch keine neue Lage: Schon bei Eintracht Frankfurt hatte er sich sechs Jahre (!) als Ersatz hinter Andreas Köpke und Uli Stein bereit gehalten, war jedoch nie zum Zuge gekommen.

Anders nun beim VfL: Unauffällig, bescheiden, aber stets punktgenau trainiert hielt sich Ernst zweieinhalb Jahre in Bereitschaft, bis im November 1997 endlich seine große Stunde schlug. Nach einer Verletzung von Uwe Gospodarek rückte der 1,93m-Mann zwischen die Pfosten und hielt in seinen beiden ersten Spielen mit seinen Paraden gleich zwei Zu-Null-Siege für den VfL fest. Die Belohnung gabs am 11. Dezember 1997 im UEFA-Pokalrückspiel gegen Ajax Amsterdam, als Ernst trotz Gospodareks Rückkehr erstmals regulär die Position der Nummer eins übernahm.

Für den Keeper begannen damit die schönsten Monate seiner Bochumer Zeit: In der Rückrunde 97/98 avancierte er mit einer Quote von 84% gehaltener Torschüsse zum erfolgreichsten Torhüter der Bundesliga. Vor allem dank Thomas Ernst, waren sich Experten wie Fans im Sommer 1998 sicher, hatte der VfL in einer schweren Saison den Klassenerhalt erreicht.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt stieg "Gustl", wie der Keeper seit seiner Jugend ob seiner angeblichen Ähnlichkeit mit Gustav Gans genannt wird, zum unangefochteten Liebling der Ostkurve auf. Das verdankte der Keeper neben seinen Paraden jedoch mindestens genauso seinem Verhalten außerhalb des Platzes. Wie kaum ein Profi ging Ernst von sich auf die Fans zu, suchte in der Stadt oder in der Kneipe das lockere Gespräch mit den Anhängern. Sogar an der Vorbereitung der blau-weißen Abende, die in dieser Zeit von VfL-Fans im Schauspielhaus veranstaltet wurden, beteiligte sich der Profi in seiner Freizeit.

Sportlich dagegen sprachen die Umstände bald nicht mehr für Thomas Ernst. Nur ein Jahr nach seiner persönlichen Rekordsaison rutschte der VfL 1999 tief in den Tabellenkeller und stieg am Ende ab. Ausgerechnet die erste Spielzeit, die Ernst bis dato als Stammtorwart absolvieren durfte, wurde zum einem neuen sportlichen Tiefpunkt des Vereins.

Branchenübliche Konsequenz: In der folgenden Zweitligasaison kam mit Rein van Duijnhoven ein neuer Konkurrent zwischen die Pfosten. Und wieder fügte sich Ernst profesionell in ein neues Reservistenschicksal, als Trainer Middendorp zunächst dem Holländer den Vorzug im VfL-Tor gab. Eine Geduld, die sich auch diesmal auszahlen sollte: Am Ende einer turbulenten Saison standen für Ernst immerhin 18 weitere Einsätze zu Buche.

Dennoch bedeutete dieser Aufstieg, Ernsts erster und bis heute einziger, zugleich einen persönlichen Rückschritt. Denn mit Christian Vander verpflichtete der VfL nun einen weiteren, jüngeren Torwart. Ernst drohte der Rückfall auf die Nummer drei im VfL-Tor, wie er sich heute erinnert: "Ralf Zumdick machte mir damals klar, dass der VfL nicht mehr mit mir plante. Er versuchte mich zu überreden, vom Spieler- in den Trainerstab umzusteigen. Aber das kam mir mit 33 Jahren einfach zu früh".

Thomas Ernst wusste, dass er seine Mission als Fußballprofi zu diesem Zeitpunkt noch nicht beenden wollte. Und so verließ er im Januar 2001 den VfL in Richtung Stuttgart, um beim VfB einen neuen Anlauf zu wagen: wieder als Nummer zwei, diesmal hinter Timo Hildebrandt.

Auf seine alten Tage ist Thomas Ernst nun zu seiner vielleicht letzten Herausforderung dieser Art angetreten. Beim 1. FC Kaiserslautern liefert sich der 37-Jährige derzeit, ursprünglich erneut als Ersatzmann eingekauft, einen spannenden Wettstreit mit Jürgen Macho um den Platz im FCK-Tor. Wie auch immer dieser Zweikampf ausgehen mag, über sein Schicksal als vermeintlich ewige Nummer zwei kann Ernst inzwischen sogar selbst schmunzeln.

Gemeinsam mit seinem Namensvetter, dem Literaten Thomas Ernst, absolvierte der Torwart kürzlich eine Lesereise unter dem Titel "Wir waren die Nummer zwei".

In Bochum wissen wir, dass das höchstens die halbe Wahrheit ist.


Dieser Text erschien erstmals im Stadionmagazin "Mein VfL", Ausgabe 17.11.2005